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4 (1898) Shakespeares Mädchen und Frauen Tragödien
Entstehung
Seite
138
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138 Shakespeares Mädchen nnd Frauen,

Dieses Trauerspiel soll eine der letzten Arbeiten Shakespearesgewesen sein, wieTitus Andronikns" für sein Erstlingswerk erklärtwird. Dort wie hier ist die Leidenschaft einer schönen Frau zu einemhäßlichen Mohren mit Vorliebe behandelt. Der reife Mann kehrtewieder zurück zu einem Problem, das einst seine Jugend beschäftigte.Hat er jetzt wirklich die Lösung gefunden? Ist diese Lösung ebensowahr als schön? Eine düstere Traner erfaßt mich manchmal, wennich deni Gedanken Raum gebe, daß vielleicht der ehrliche Jago mitseinen bösen Glossen über die Liebe Desdemonas zu dem Mohrennicht ganz unrecht haben mag. Am allerwiderwärtigsten aber berührenmich Othellos Bemerkungen über die feuchten Hände seiner Gattin,

Ein ebenso abenteuerliches nnd bedeutsames Beispiel der Liebezu einem Mohren, wie wir inTitus Andronikns" undOthello"sehen, findet man inTausend nnd eine Nacht", wo eine schöneFürstin, die zugleich eine Zauberin ist, ihren Gemahl in einerstatnenähnlichen Starrheit gefesselt hält, und ihn täglich mit Rutenschlägt, weil er ihren Geliebten, einen häßlichen Neger, getötet hat.Herzzerreißend sind die Klagetöne der Fürstin am Lager der schwarzenLeiche, die sie durch ihre Zauberkunst in einer Art von Scheinlebenzu erhalten weiß und mit verzweiflnngsvollen Küssen bedeckt, nnddurch einen noch größeren Zauber, durch die Liebe, aus demdämmernden Halbtvde zu voller Lebcnswahrheit erwecken möchte.Schon als Knabe frappierte mich in den arabischen Märchen diesesBild leidenschaftlicher und unbegreiflicher Liebe.

Jessikn (Der Kaufmann von Venedig).

Als ich dieses Stück in Drurylane aufführen sah, stand hintermir in der Loge eine schöne blasse Britin, welche am Ende desvierten Aktes heftig weinte und mehrmals ausrief: Urs xoor manis rvronAsä! sdem armen Mann geschieht unrecht!) Es war einGesicht vom edelsten griechischen Schnitt, und die Augen waren großund schwarz. Ich habe sie nie vergessen können, diese großen undschwarzen Augen, welche um Shylock geweint haben!

Wenn ich aber an jene Thränen denke, so muß ich denKauf-mann von Venedig" zu den Tragödien rechnen, obgleich der Rahmendes Stückes von den heitersten Masken, Satyrbildern und Amorettenverziert ist, und auch der Dichter eigentlich ein Lustspiel geben wollte.Shakespeare hegte vielleicht die Absicht, zur Ergötzung des großenHaufens einen gedrillten Werwolf darzustellen, ein verhaßtes Fabel-geschöpf, das nach Blut lechzt, und dabei seine Tochter und seineDukaten einbüßt und obendrein verspottet wird. Aber der Geniusdes Dichters, der Weltgeist, der in ihm waltet, steht immer höherals sein Privatwille, und so geschah es, daß er in Shylock, trotz der