312 Heineporträts.
bringen aus der Welt hinter dem menschlichen Tode — die verwegene SeeleHeines hat nichts vermocht über den Bann der Elemente; nicht die leiseste Hundeoder Erscheinung ist zu mir gekommen vom Thuner See, an dessen Ufern erverschied; prosaisch und alltäglich im trägen Postenlauf hat mir die Zeitung erstNachricht gebracht, nachdem er schon sechs Tage aus unserem Menschenleben ver-schwunden war. Vielleicht bin ich eben deshalb doppelt erschrocken, weil es einedoppelte Erinnerung an unsere Ohnmacht war, weil ich mir eingebildet hatte, dergeliebte Freund könne nicht von hinnen gehen, ohne mir persönlich Ade zu sagen.
Kein Ade nach so langen und schönen Jahren des Genusses und der Liebe!Grell durchschneidendes Ende auch für ihn, welchen der ewige Geist so begünstigt.Nur die poetische Dekoration, welche Heines Kindersinn so liebte, ist ihm nochgestattet worden. Gegen alles Vermuten ist er auf deutscher Erde gestorben undruht im Angesichte jenes höchsten deutschen Oberlandes, das er so liebte, im An-gesichte der schneeweißen Alpen und des prachtvollen Sees, mit dessen Nirm erso gerne sein Spiel getrieben. Seiner Familie, derer Namen er verherrlicht hatmit der demantenen Dichterkrone, hat er es leicht gemacht, einen Denkstein zusetzen, den die Wanderer aus der ganzen Welt sinnend betrachten können. Nochmehr der äußeren Zeichen, mit denen er so lieblich Bilder zu malen wußte! Anseinem Todestage ward eine freie Verfassung fast mit Einstimmigkeit im ganzenBerner Lande angenommen, und als seine Seele aus dem Körper floh, ent-zündeten sich ringsum die Höhen, und die Freudenfeuer einer neuen Freiheitloderten empor zu den Sternen.
Ach, ich wollte, Du lebtest noch und es brauchte keiner Dekoration zu DeinerFeier! Mir ist, als hielte ich Dich noch in unserer Nähe, so lange ich an dieserGrabrede spreche, und doch muß es geschieden sein; der Tod hat kein Erbarmen,und der drückende Sonnenschein dieses Sommers, welcher Deinen Leib erstickt hat,saugt mein thränenvolles Ade gleichgültig auf ins große All, welches Dich ver-schlungen hat auf Nimmerwiedersehen für unseres Leibes Auge; es muß geschlossensein mit dem trostlosen Worte: Heinrich Heine ist tot!
Neunundzwanzigstes Kapitel. Heineporträts.
^st es wirklich wahr, daß die Werke eines Dichters erst verständlich werden,^)wenn seine Züge vor die Augen des Betrachtenden treten und man ein treuesBild seiner äußeren Erscheinung bekommt? Ich möchte diese Frage, die GustavKönnecke in seinem vortrefflichen Bilderatlas zur Geschichte der deutschen National-litteratur fast als entschieden hingestellt, weder unbedingt bejahen noch verneinen.