Zgg Heinrich Laubes Grabrede.
Stockungen oder Schwingungen seiner Nerven gehorchte, und es war sein eigentümlichesSchicksal, daß er mit lauter poetischen Eigenschaften in einer durchaus politischenGesellschaft auftrat. Diese verlangte mit Recht politische Folge in den Aeußerungenund schalt über poetische Sprünge; er selbst aber wollte und konnte sich diese nichtnehmen lassen, denn sie waren sein eigentliches Leben, und Politik war ihm nurein Thema wie irgend ein anderes. Er war eine Künstlernatur, die unter anderemauch den Tribun spielte, und die politische Welt sagte entrüstet: Du sollst nicht bloßspielen, du sollst sein, was du vorstellst, und du sollst nicht unter anderem Tribunsein, du sollst nur Tribun sein! Das hätte er gar nicht gekonnt, auch wenn ergewollt hätte. Aus diesem Mißverständnisse und Mißverhältnisse erwuchsen ihmLegionen von Feinden, und besonders bei der Entstehung seines unglücklichstenBuches, des Buches über Ludwig Börne, habe ich das ganze innere Geflechtdieses Schicksals in der Nähe betrachten können. Er schrieb dies Buch in derzweiten Hälfte des Jahres 1839, und ich habe das Manuskript Wochen lang inHänden gehabt, und täglich und oft Stunden lang Hab' ich in ihn hineingeredet:er solle es in solcher Gestalt nicht herausgeben, er thue Börne und thue sichUnrecht, und all' das Schöne darin könne nur richtig erscheinen und wirken, wenner die persönlichen und politischen Fragen sondere und scheide von der Frage deshöchsten Gesichtspunktes. Umsonst! Eben weil er Poet war, konnte er nur dichten,nicht sondern und scheiden, und konnte er die Fragen nur als verschlungenes Gewächsbringen, welchem leider die befangene Zuschauerwelt die getrennten Wurzeln nichtansehen konnte. Es war denn auch wie auf jeden eigensinnigen Poeten kein Ein-fluß auszuüben auf ihn. Der eigene Sinn ist ja die Kraft des Poeten! Wennich ihm die gefährlichsten Stellen des Buches vorlas und die Gefahr derselbenauseinandersetzte, so lächelte er, hörte offenbar nur mit halbem Ohre zu und sagteendlich bloß: „Aber ist's nicht schön ausgedrückt?" — Mag sein, und doch ist'sam falschen Orte! — „Und ist's nicht wahr?" - Nein, in diesem Zusammen-hange ist's nicht wahr! — „Ah, parämi, in meinem Zusammenhange ist es gründ-lich wahr; ich kann nicht schreiben, wie die Dinge in Ihnen zusammenhängen, ichkann nicht Ihre Bücher schreiben!"
Man sieht, hier war nicht die geringste Aenderung durchzusetzen. Nur in einemPunkte gab er scheinbar nach. Ich behauptete - und die Folge hat meineBehauptung nur zu sehr bestätigt! — das Buch werde mit all seinem Geist undWitz nur den Eindruck persönlicher Feindschaft und verletzender Jmpietät gegeneinen von der ganzen Nation geliebten Toten machen — „der aber mein Feindwar", unterbrach er mich, „und Feind dessen, was das beste in mir ist, Feindmeiner größeren Weltanschauung!" — „Mag sein", entgegnete ich, „so muß dasBuch seinen Höhepunkt darin zeigen, daß Sie im Gegensatze zu Börnes bloß