304 Heinrich Laubes Grabrede.
nicht schrveigen bei wirklicher Gefahr. Da giebt auf einmal die Zeitung in dreikargen Zeilen so fürchterliche Antwort: Heine ist tot! Die Thronen stürzen miraus den Augen, indem ich solchen unersetzlichen Verlust niederschreibe, und da ichwohl einer der Wenigen bin, welche heiße Thronen weinen über diesen Verlust,denn er hatte Millionen Bewunderer, aber wenig Freunde, so fühle ich mich berufen,sogleich öffentlich meinen Schmerz auszudrücken und sogleich vor das Grab zutreten, an welchem vielleicht kein einziger deutscher Freund gestanden, als sie diezerstörte Hülle eines wundervollen Geistes verscharrten, und sogleich Blumen undThränen zu bringen von einem Landsmanns, der ihn herzlich und treu geliebt hatund herzlich und treu lieben wird, solange er lieben kann, was auch die Feinde desVerstorbenen gegen ihn sagen und mit gutem Grunde gegen ihn sagen mögen.Ich wollte, sie hätten tausendmal recht, Du aber lebtest noch! Ich wollte, sie schrieenzu Tausenden: „Philister über Dir!" Du aber lebtest noch! Um den Sieg wäremir nicht bange, denn Dein Geist war unüberwindlich, weil unerschöpflich. Nunaber liegst Du im Grabe, und unüberwindliche Erde bedeckt und erstickt Deinenmit Schwertern bewaffneten feinen Mund, Dein mit Pfeilen bewehrtes schalkhaftesAuge, und uns kleinem Häuflein, die Dich nicht bloß bewunderten, sondern auchliebten, uns bleibt nichts übrig als die eintönige Totenklage und die einfarbigeAussicht in eine Zukunft, welche nicht mehr überrascht werden kann durch Deineblitzende und donnernde Geistererscheinung.
Unwiederbringlich dahin! Unersetzlich! — Fürchterliches Wort für uns, die wirzurückblicken und hungern und dürsten nach einem Genius. Tragt Eigenschaftenherbei von links und rechts, und setzt sie zusammen zu einem Koloß und facht ihmLeben ein mit allen Hilfsmitteln, wo nehmt Ihr die Flamme her, welche Genieheißt und unmittelbar aus der Hand des Gottes gefallen ist und in die Hand desGottes zurückfliegt, bis sich ihm nach Jahrhunderten wieder einmal die Gelegenheitbietet, unter die Menschen herabzuschlüpfen! Unersetzlich!
Kläglich nimmt es sich aus neben solchem Verluste, wenn ich nun mit ein paaräußerlichen Bezeichnungen an Deinem Grabe schildern soll, wie Du persönlichgewesen. Mein Auge ist trübe und unterscheidet keine deutlichen Umrisse vonDeiner, ohnedies für das klarste Auge so schwer zu fassenden Gestalt. Ich versuch'es nur, um sogleich und öffentlich zu sagen, daß auch Dein persönliches Interessevertreten sein soll durch Deine Freunde, und daß ich unter diesen jeden Augenblickbereit bin, für Deines bürgerlichen Namens Wert mit allen Kräften einzustehen,wenn die Widersacher ihn antasten wollten - für Deinen Dichternamen brauchtes keines Testamentsvollstreckers; keine Macht der Erde lischt ihn aus der goldenenTafel der Geschichte, welche die Namen großer Dichter verewigt. Du hast unsereWelt verherrlicht; wie wenige können dies sich nachsagen lassen ohne Furcht