274 Die Kleinen.
Die allerliebste Geschichte des Rendezvous erzähle ich am besten mit WolfgangMüllers eigenen Worten: „Es war ein launenhafter Märzmorgen, an dem Hagel-und Regenschauer neckisch mit blitzenden Sonnenstrahlen durch die Lüfte zogen,als ich, von der Seine kommend, durch den Tuileriengarten schritt und in dieRue Rivoli lenkte, um mir dort die besagte Hausnummer zu suchen, die ich dennauch ohne Schwierigkeit fand. Die genannte Straße hat nur eine Häuserreihe,welche sich gegenüber den Gärten und Terrassen des kaiserlichen Palastes hindehnt,jedes Haus gleicht dem andern in der Bauart wie ein Ei dem andern, dabeiziehen sich längst den Erdgeschossen rundbogige Arkaden hin, in denen sich Ladenan Laden mit einer Ausstellung der mannigfaltigsten Waren und Lurusgegenständereiht. In die Straße aber münden aus dein Innern der Stadt eine Menge vonanderen Straßen. Die Hausthür, an welcher sich mein Posten befand, war diezweite von einer Ecke. Im Eckhause aber wurde gebaut, weshalb vorsichtshalberder Bogengang neben meinem Standpunkte mit Brettern zugenagelt war, derenziemlich breite Ritzen mir indes gestatteten, in die fortgesetzten Arkaden zu sehen,ohne daß ich selbst gesehen wurde. So konnte ich denn das Feld, auf dem sichmein Abenteuer entwickeln sollte, nach allen Richtungen überschauen. Ich standdenn auch und blickte hinauf und hinab in das Gewühl der Dahinwandernden,ich ließ die Augen über die Straße schweifen, ich warf meine Blicke auf dasnächste Thor, das in die Tuileriengärten führte. Alles vergebens! Sie wolltenicht erscheinen, la ckams guiz js eomwissais. Und wieder schaute ich durch dieZwischenräume der Planken. Siehe, da hatte sich plötzlich ein Tischgenosse ausder Rue Richelieu eingefunden. Es war Rochau, der dort mit seltsam lächelnderMiene bald stand, bald ein paar Schritte auf- und abwärtsging und sich, wie iches gethan hatte, nach allen Seiten umsah. Mir drängte sich plötzlich und unwider-stehlich der Gedanke auf, ich, der Neuling in der großen Weltstadt, sei zum Gegen-stand eines schlechten Witzes auserkoren worden, der von meinen deutschen Bekanntenausgesponnen wäre. Dingelstedt, Venedey, Haller und wie sie sonst hießen, würdensich nun auch einfinden und mit Rochau, der als Vorbote gekommen, verbundenum die Planken treten und mich gemeinsam verhöhnen. Ein Heller Zorn kochtein mir auf, ich machte mir einen Sack voll grober Redensarten zurecht und blieb,statt dem drohenden Ungewitter zu entfliehen, in germanischer Verstocktheit nurdesto hartnäckiger auf meinem Platze. Aber der erwartete Akt ließ schließlich dochzu lange auf sich warten. Da ich sah, daß Rochau noch immer mit derselbenerwartungsvollen Miene hin- und herwanderte, so dachte ich, mit ihm allein dieSache abzumachen und trat plötzlich zu ihm heran: »Nun, was machen Sie dennhier?« fragte ich, »sonst sind Sie ja um diese Stunde im Lesekabinet der GalerieMontpensier!« »O, o«, sagte er mit einiger Verlegenheit, »ich schöpfe hier Luft!«