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Heinrich Heine : Aus seinem Leben und aus seiner Zeit
Entstehung
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248 Alfred de Musset.

Gewiß war von den beiden Dichtern Heine das größere, kräftigere und umfassendereTalent, der sich ohne allzugroße Ileberhebung der Vetterschaft mit dein GeniusLord Byrons rühmen durfte; in der dramatischen und novellistischen Kunstformmar ihm Alfred de Musset weit überlegen. Karl Frenze! führt die Parallelezwischen beiden Dichtern in seiner feinen, Licht und Schatten gleich verteilendenWeise fort, indem er sein Urteil in folgende Sätze zusammenfaßt:

Daß Heines Lyrik uns ungleich schlichter, natürlicher und volkstümlicher anmutetals die Mussets, ist nicht das ausschließliche Verdienst des Dichters; es ist unsereVolksart, die sich darin offenbart, wie in Goethes und Uhlands Liedern. Diefranzösische Lyrik hat dagegen die Getragenheit, die Hofschleppe und den Kothurn-gang bevorzugt. Gleichsam um sich von dem Straßenliede und den Couplets desVaudeville zu unterscheiden. Seit Malherbe und Boileau sind die Villon undBeranger die Ausnahmen in ihr. Auch Mussets Ruhm beruht wie der AndreCheniers mehr auf der Kunst als auf dem Naturlaut seiner Poesie. Er ist nichtganz arm an einfachen, melodischen Liedern, die sich mühelos dem Gedächtniseinprägen und sich jedem, auch wenn er nicht zu den litterarisch Gebildeten gehört,ins Herz und auf die Lippen schmeicheln; allein ein Lied wie Heines »Ich weißnicht, was soll es bedeuten-, das zum Allgemeingut des Volkes geworden, könnteich nicht von ihm nennen. Der Schwung und der Schimmer seiner Verse, dieJugendlichkeit und die Melancholie ihres Inhalts haben auf die gebildete JugendFrankreichs, das (Pim-tter lmin und die Salons der vornehmen Gesellschaft einMenschenalter lang, von 1830 bis 1870, ihren Einfluß ausgeübt. Lebhafter undtiefer als Lamartine und Victor Hugo. Wir haben alle seine Gedichte auswendiggekannt, hat Taine von ihm gesagt. Ein Beweis, wie vollendet Alfred de Mussetdas aussprach, was alle empfanden, wie die Wunde seines Herzens schwächer oderstärker bei allen blutete. Er war eine typische, keine genialische Erscheinung. Zuseinem Unglück überlebte er seine Jugend, seine Liebe und sein Talent. Diegeheime Furcht, die er vor seinem dreißigsten Jahre hatte, war nur zu gut begründet.Um seine Dichtung und sein Leben in Einklang zu bringen, hätte er damalssterben sollen. Von Andre Eherner empfangen wir aus der Lektüre seinerDichtungen die Vorstellung, als habe er noch Reiferes und Größeres schaffenkönnen, wenn das Beil der Guillotine seinem Leben und seinem Dichten nichtvorzeitig ein Ende gemacht. Musset hat siebzehn Jahre zu lang gelebt, um seineOhnmacht sich selbst zur Qual über die Boulevards zu schleppen. Lord Byronist als Held, Heine als Märtyrer gestorben, Musset ist verkommen. In seinerMatratzengruft hat Heine alle seine Verschuldungen im puritanischen Sinne gebüßtund im ästhetischen wieder gut gemacht. Der sterbende Mann erhebt sich wiederauf jene Höhe des Parnasses, auf der einst der Jüngling gestanden, und von