Zwei Briefe an Thiers. 229
daß Thiers es war — nicht Guizot, wie man bisher angenommen hatte —, der Heine1835 oder 1836 die Pension von 4806 Francs auswirkte, die die französischeRegierung damals so vielen Flüchtlingen, Fürsten wie Bettlern, gewährte, die sichunter den großmütigen Schutz Frankreichs gestellt hatten. „Ich vergesse nicht dieLiebenswürdigkeit", so berichtet Heine 1854, „womit einst im Garten desSchlosses einer fürstlichen Freundin der große Geschichtschreiber der französischenRevolution und des Empires, welcher damals der allgewaltige Präsident desConseils war, meinen Arm ergriff und, mit mir spazieren gehend, lang und lebhaftin mich drang, daß ich ihm sagen möchte, was mein Herz begehre, und daß ersich anheischig mache, mir alles zu verschaffen".
Thiers war es auch, der 1840 bei Guizot die Fortbewilligung der Pensiondurchsetzte. Damit fallen die Vorwürfe in nichts zusammen, die man gegen Heineerhoben hat. War ihm Thiers wohlgewogen wir wissen ja aus der „Retro-spektiven Aufklärung" näheres darüber - , so war es kein Wunder, daß er demDichter in einer üblen Lage Hilfe leistete, ohne irgendwelche Eegenleistnng dafürzu beanspruchen. Aus den beiden eben zitierten Widmungsbriefen ersieht manaber auch, daß Thiers die Berichte Heines über die französische Politik gar nichtgekannt hatte, was doch gewiß der Fall gewesen wäre, wenn diese eine Gegen-leistung für die ihm gewährte Pension hätten sein sollen. Natürlich liegt in derHervorhebung dieser entlastenden Momente nicht etwa eine Rechtfertigung, sondernhöchstens eine Entschuldigung jenes immerhin bedenklichen Schrittes, zu dem Heinein Wirklichkeit nur seine damals sehr traurige Lage getrieben hat.
Auch die Beziehungen Heinrich Heines, zu dem dritten großen Historiker Frank-reichs, zu Franeois Guizot, waren zwar nicht sehr intim, aber nach vielenRichtungen charakteristisch für den Staatsmann wie für den Menschen. Darf manden Versicherungen Heines Glauben schenken, so hat er Guizot überhaupt nureinmal in seinem Leben gesprochen. Dieser schien aber ein besonderes Interessean dem deutschen Dichter zu nehmen, dessen Werke er kannte und schätzte. Nachauthentischen Berichten schützte er Heine wiederholt gegen die Reklamationen deutscherGesandtschaften, die dessen Ausweisung aus Paris beharrlich verlangten. Heineselbst erzählt viele Jahre später in seiner „Retrospektiven Aufklärung" über diePension, welche er von der französischen Regierung unter Guizot und auf Ver-anlassung von Thiers bezogen: „Nie begehrte er dafür von mir den geringstenDienst. Als ich ihm, bald nachdem er das Portefeuille der auswärtigen Angelegen-heiten übernommen, meine Aufwartung machte und ihm dafür dankte, daß er mir