142 Die italienische Reise,
nicht gethan; er hat alle diese Mittel verschmäht; nur auf litterarischem Bodenroollte er Platen treffen, da aber auch ihn gründlich vernichten. Niemand wirddie Art und Weise dieser Hinrichtung gutheißen. Heine selbst sagt einmal ineinem seiner Briefe an Jmmermann! dieser sei der Richter und er der Scharf-richter gewesen. Prüft man aber die Verhältnisse und erwägt den Charakter desDichters, so muß man zugeben, daß es eigentlich mehr eine Selbstverteidigungals ein Angriff gewesen ist, den er gegen Platen richtete. Trat Heine einmalgegen seine Gegner, die ihn seit Iahren gereizt hatten, auf, so konnte er kaumanders verfahren, als er es wirklich gethan, und hat man einmal zugegeben, daßvieles in diesem Angriff hätte wegbleiben müssen, daß vieles Niedrige und Gemeinesich eingemischt hat, so wird man sich doch auch nicht der Erkenntnis verschließendürfen, daß diese Satire andererseits von dem glücklichsten Humor durchweht ist,und daß in unserer Litteratur nur wenig Beispiele einer solchen scharfen, aber auchgeistreichen Vernichtung eines bedeutenden Gegners zu finden sind.
Scheiden wir nun aber die Kapitel über Platen aus und betrachten die„Italienische Reise" von diesem neugewonnenen Standpunkte, so werden wirzunächst in der ersten Abteilung! „Die Reise von München nach Genua" eine derbesten und glänzendsten Schöpfungen des Dichters herauserkennen. Hier ist einWesentlicher Fortschritt gegen den ersten Teil der „Reisebilder" zu finden. DerStil hat einen vollen Glanz angenommen, der etwas Berauschendes hat, wie dieitalienische Landschaft selbst. „Alles grell, mit unvermitteltem Kontrast, wie mitelektrischem Licht durchsättigt, aber eben darin ganz und gar typisch für den Gegen-stand", so schreibt ein neuerer Beurteiler Heines, dessen ästhetische Analyse der„Reisebilder" ebenso feinsinnig wie wahr ist, und in der es dann weiter heißt!„Heine hatte diesen Stil schon lange vorher bei sich ausgebildet, jetzt schien es,als habe er zum erstenmal einen Stoff gefunden, der dem Stile entgegenkam; nurItalien bot und bietet uns solches Aufeinanderprallen koloristischer Stimmungs-kontraste! Trümmer, Ruinen, uralte Romantik des Vergangenen und wildes, sinn-liches Leben, kalte Statuen und glühende Weiber, riesige Ideen und lächerlichkleine Wirklichkeit, gigantische Paläste, in denen nichts zu Hause als Spinnen undRatten — kurz, ein wahres Bild dessen, was Heine schon mitbrachte. Ein Bild,aus dem jeder kleinste, echt dem Leben entnommene Zug wie ein organischesGebilde sich in den krausen Fächer dieser Weltanschauung einfügte, so daß selbstdas Tollste hier realistisch echt sich ausnahm". Einem solchen Eindruck gegenüberverschlägt der Vorwurf wenig, den man gegen diese bunten Farbenskizzen undBilder erhoben hat, daß sie nur Fragmente seien, die aus einer „bewußten Unreife"hervorgegangen sind und sich wieder nur an eine bewußte Unreife wenden. Dennauch dieser Vorwurf gründet sich nur auf eine Verkennung der Verhältnisse und