Druckschrift 
Heinrich Heine : Aus seinem Leben und aus seiner Zeit
Entstehung
Seite
140
Einzelbild herunterladen
 

140 Die italienische Reise.

habe mir eine Liste gemacht von all denen, die mich zu kränken gesucht, damit ichbei meiner jetzigen weichen Stimmung keinen vergesse. Ach, krank und elend, wieich bin, wie zur Selbstverspottung, beschreibe ich jetzt die glänzendste Zeit meinesLebens, eine Zeit, wo ich, berauscht von llebermut und Liebesglück, aus den Höhender Apenninen umherjauchzte und große, wilde Thaten träumte, wodurch meinRuhm sich über die ganze Erde verbreite bis zur femsten Insel, wo der Schifferdes Abends am Herde von mir erzählen sollte! jetzt, wie bin ich zahm gewordenseit dem Tode meines Vaters! Jetzt möchte ich auf so einer fernen Insel nurdas Kätzchen sein, das am warmen Herde sitzt, und hören, wenn von be-rühmten Thaten erzählt wird".

Freilich, der Bericht in dem Briefe an Moser über die italienische Reise klingtanders:Du wirst sehen, daß ich nicht im Gleise der alten Manier, sondern ineiner neuen freien Form Weiterschreibe", so lautet da die Verheißung. Indessteht es doch fest, daß trotz der obenerwähnten Proskriptionsliste der zweite TeilderBäder von Lucca", also etwa vom neunten Kapitel an, erst viele Monatespäter, und zwar in Hamburg entstanden ist. Es ist notwendig, daß man sichdie Situation vergegenwärtige, in welcher Heine diese Kapitel geschrieben. Un-mutig und verdrossen war er aus Italien zurückgekehrt. Der Tod seines Vaters,die wenig glänzenden Verhältnisse im elterlichen Hause hatten ihn arg verstimmt.Das Fehlschlagen seiner Pläne in München, die seiner festen Ueberzeugung nachdurch seine persönlichen Feinde, durch die Pfaffen und die Anhänger Platens,vereitelt worden waren, hatte seinen Haß gegen diese Koalition erheblich verstärkt.Die Angriffe, die von allen Seiten gegen ihn, als denJuden Heine", ein-stürmten, richteten seinen Zorn vornehmlich gegen Platen, weil er glaubte, daßdieses Stichwort von diesem zuerst in seinemRomantischen Oedipus" ausgegebenworden sei. Dazu kamen persönliche Bedrängnisse. ImMorgenblatt" wurdenseine Artikel verstümmelt, auch dies, wie er glaubte, auf Antrieb der FreundePlatens. Manches seiner Manuskripte wanderte überhaupt in den Papierkorb.Campe selbst, der schon zwei Jahre auf den dritten Band derReisebilder" wartete,drängte den Dichter. Seine materielle Lage war auch keine glänzende. So ent-schloß er sich denn im Winter 1829, den dritten Band seinerReisebilder" raschzu Ende zu bringen. Mit fliegender Hast schrieb er die zweite Abteilung derBäder von Lucca". Die erste Hälfte des Buches war bereits im Druck, währenddie letzte Hälfte noch nicht angefangen war. Es kamen Streitigkeiten über dieAusstattung und Erscheinungsweise des Buches mit dem Verleger dazu. Währendder Setzer von Seite zu Seite auf das Manuskript wartete, schrieb Heine dieletzten Kapitel derBäder von Lucca", in welchen er jene blutige Rache nahm,die ihm bis auf den heutigen Tag verübelt worden ist. Es blieb ihm keine Zeit