106 Das Buch der Lieder.
händige Eintragung Heines enthält, noch mehr aber das, welches sich nach einerMitteilung von A. Englert (Vierteljahrsschrift für deutsche Literaturgeschichte, Bd. 5,S. 328) im Besitze der Witwe von Karl Heine in Paris befinden soll. Indieses ist nach der Versicherung jenes Autors ein im September 1825 in Norderneyverfaßtes humoristisches Gedicht von Heine zum Geburtstag seiner Tante, FrauBetty Heine, eingetragen, welches „Sonnenaufgang" betitelt und in dem freienRhythmus der Nordseebilder gehalten ist. Dieses Gedicht ist leider bisher unbe-kannt geblieben, und nur den Ansang hat A. Englert in dankenswerter Weisemitgeteilt. Er lautet:
Sonne, purpurgeborne,
Glänzend im Glanz der Rubinenkron
Steigst du empor
Aus deinem Palast von Krystall;
Vor dir, wie Blumenmädchen am Festtag,
Tanzen die jungen Morgenlichter
Und streuen dir Nojenblätter,
Und unter Triumphportalen,
Gewölbt aus Wolkenmarmor,
Wandelst du siegreich
Ueber die leuchtende Wasserbahn,
Und wohin du gelangst,
Entflieht die Nacht
Mit hastigem Schattenschritt,
Und lichtgewcckt erschließen sich freudig
Die bunten Augen der Blumen
Und die lieben Herzen der Menschen,
Und aus den grünen Dornen erschallt
Befiederte Jubelmusit.
Dieser Anfang läßt es mehr als lebhaft bedauern, daß das merkwürdige Exemplarvielleicht für immer verloren gegangen ist; denn auf meine wiederholten Bitten,zunächst direkt, dann durch eine hochangesehene Mittelsperson, welche der jüngst ver-storbenen Dame sehr nahe stand, ließ mir diese bestimmt und feierlichst erklären, „daßsie weder ein Buch von Heine, noch auch nur eine einzige von ihm geschriebeneZeile besitze!" Wo ist ein bibliographischer Oerindur, der dieses Rätsel lösen könnte?
Es bleibt nur noch ein kleines Kuriosum oder, wenn man will, ein hübscherScherz zu erwähnen übrig. Ein Buch, das zugleich ein Monument ist, dürftegewiß die größte bibliographische Seltenheit sein. Das „Buch der Lieder" ist aberein solches, denn Maximilian Heine, der Bruder des Dichters, erzählt in seinen„Erinnerungen" (Berlin 1868, S. 87) von einer unvergeßlichen Stunde, die erin Paris am Krankenbette seines Bruders verbracht und in der auch dieRede darauf kam, ob der Dichter jemals ein Monument in seinem Heimat-lande erhalten werde.