„Du bist wie eine Blume." 97
Ich will nur noch bemerken, daß Heine, wie ich von Freunden, die ihm nahe-gestanden, besonders von Ferdinand Hiller, gehört, auf dieses Gedicht immer ganzbesonderen Wert gelegt und, als es ihm der Kölner Männergesangverein 1833 anseinem Krankenbette zum ersten Male vorgesungen, heiße Thränen geweint hat.Und nun wage es noch jemand, zu sagen, daß Heine nicht der Dichter dieses Liedes sei!
Wie häßlich, daß man diesen Anspruch aber erst noch zu beweisen und verteidigenhat! Unter allen Jugendfreundschaften Heines mutet uns kaum eine sympathischerund liebenswürdiger an als die zu Philipp Spitta. War es durchaus notwendig,auch dieses Verhältnis in den Staub zu zerren?
Um mit einer freundlichen Erinnerung zu schließen, will ich hier noch als Nach-trag zu obigen Mitteilungen über das Freundschaftsverhältnis der beiden Dichtereine Stelle aus den ungedruckten Memoiren von Maximilian Heine anfügen. Siebezieht sich auf den gemeinsamen Aufenthalt in Lüneburg und lautet!
„Eine andere bedeutende Bekanntschaft, die wir durch Heinrich machten, warPhilipp Spitta, der Dichter so ausgezeichneter geistlicher Lieder. Welch ein körper-licher und geistiger Gegensatz zu Rudolph Christiani, dem schönen Redner undSchönredner! Damals lebte Spitta (ich bemerke gelegentlich, daß der in der medi-zinischen Litteratur bekannte Professor Spitta in Rostock sein Bruder war) bei demAmtmann Jochmus in Klosterlüne, nur durch eine Allee mit der Stadt verbunden,als Hauslehrer so fromm, so still, so gemütlich, wie es seinem liebenswürdigenCharakter entsprach. In seinem Gartenstübchen saßen Heinrich und ich mancheStunde, besonders an freien Sonnabendnachmittagen, und hörten mit wahrerAndacht dem Vorlesen seiner Gedichte zu, von denen die meisten in der SammlungPsalter und Harfe später erschienen sind. Seine einfache Sprache hatte einenWohllaut, der tief ins Herz drang. Wie eigentümlich! Von allen diesen schönen,frommen Gedichten ist mir keines im Gedächtnis geblieben, als nur ein ganz welt-liches unter dem Titel -Der Pferdedieb-, bis jetzt ungedruckt. Vierzig Jahre langhabe ich die poetische Erinnerung an dieses Gedicht und an seinen Verfasser, denspäteren Superindenten, warm bewahrt. Gleich beim ersten Mal machte diesesGedicht auf mich einen unaussprechlichen Eindruck. Es ist die alte Geschichte, die,dem sie just passiert, das Herz entzwei bricht! Ein junger Mensch voll heißerLiebe wandelt vor dem Fenster seines holden Mädchens auf und ab. Da kommtein stattlicher Offizier angesprengt, steigt vom Pferde und giebt es dem jungenMenschen zu halten. Ihm wird die Zeit zu lang und das Herz zu bang,- ersteigt aufs Roß, um am Fenster der Geliebten zu lauschen; da sieht er sein Mädchenin den Armen des fremden Mannes. Es erfaßt unsäglicher Schmerz seine Seele,willenlos spornt er das Pferd und eilt wie ein Sturmwind davon. Er wird alsPferdedieb ergriffen und gehängt."
Karpcies, E., Heinrich Heine. 7