88 Psalter und Harfe. »>«»>-
Im zweiten Bande der „Reisebilder", in dem Buch „Ts Krauel", einem Buche,in dem Fallstricke und Fußeisen für die Kommentatoren liegen, teilt Heine gratisund zum Heile der Litteratur eine wichtige Erfindung mit; er sagt da: „Ich haltees nämlich für ratsam, alle obskuren Autoren mit ihrer Hausnummer zu zitieren.Diese guten Leute und schlechten Musikanten (so wird im .Donos äs Deoir" dasOrchester angeredet), diese obskuren Autoren besitzen doch immer selbst noch einEremplärchen ihres längst verschollenen Büchleins, und um dieses aufzutreiben,muß man also ihre Hausnummer wissen. Wollte ich z. B. Spittas „Sang-büchlein für Handwerksburschen" zitieren meine liebe Madame, wo wolltenSie dieses finden? Zitiere ich aber:
Viä. „Sangbüchlein für Handwerksburschen" von P. Spitta,
Lüneburg, aus der Lünerstrasze Nr. 2, rechts um die Ecke —
so können Sie, Madame, wenn Sie es der Mühe wert halten, das Büchlein auf-treiben. Es ist aber nicht der Mühe wert."
Daß da irgend eine Bosheit versteckt liege, hat wohl jeder erraten; aber keinervon den Herausgebern Heinescher Werke, auch der Verfasser dieses Buches nicht,hatte eine Ahnung davon, daß diese allerliebste kleine Bosheit auf einen Jugend-freund des Dichters, noch weniger, daß sie auf den Sänger frommer und innigerLieder gemünzt sei.
Darüber giebt uns nun die Biographie Ludwig Spittas einige Auskunft. ImMai 1821 wurde Philipp Spitta als Student der Theologie in Göttingen imma-trikuliert. Dort blieb er bis zum März 1824, und dort machte er auch dieBekanntschast zweier Studenten, deren Talente damals bereits in weiteren Kreisengewürdigt wurden: Heinrich Heines und Johann Peter Eckermanns, des späterenPrivatsekretärs von Goethe. (Die Thatsache, daß Heine und Eckermann zusammenin Göttingen studiert haben, war ebenfalls bis jetzt unbekannt; sie erklärt unsnunmehr die verschiedenen Scherze, die Heine auch über diesen gemacht.)
Mit Spitta verband Heine das gleiche poetische Streben; auch dieser schwärmtefür Freiheit, auch dieser kam bei seinen poetischen Studien auf den Volksliedertonin des „Knaben Wunderhorn", der ihn seltsam anheimelte; auch dieser wendetenamentlich Byron ein reges Interesse zu. Spitta war eine edle, sinnige, liebens-würdige Natur; er zog alle die an, die ihn näher kennen lernten, so auchtrotz aller Verschiedenheit in den Charakteren — Heinrich Heine. Sein Harfenspielwurde von dem ganzen Kreise seiner Freunde mit wärmster Anteilnahme begleitet.
Es ist sehr interessant, zu hören, daß es nun gerade Heine war, der Spittadie vier Louisdor zur Anschaffung einer Harfe geliehen hat, obwohl, wie derBiograph bemerkt, „es selbstverständlich nie zu einer näheren Geistesgemeinschaftzwischen diesen beiden so grundverschiedenen Geistern kommen konnte und ersterer