Junge Leiden, ,19
auf jene Schuld zwei Louisdors, welche Unna in der offenen Hand behielt. Dar-auf fragte ihn Heine: „Junger Mann, Sie sind doch Kaufmann, nicht wahr?"„Allerdings!" war die Antwort. „Dann rate ich Ihnen, immer nehmen, nehmen,nehmen!" „Ja", war die Entgegnung, „ich nehme ja,- ich will aber gern nochmehr nehmen!" „Sehr gut, sehr gut", erwiderte Heine, „aus Ihnen kann nochetwas werden, aber ich habe eben nicht mehr", und drängte ihn sanft zur Thürhinaus. Der alte Unna hat diese Reminiscenz niemals vergessen. Aufsehen erregtedamals in Bankierskreisen der folgende Witz von Heine, den er gelegentlich einmalbei einem Diner geäußert haben soll: „Meine Mutter hat schönwissenschaftlicheWerke gelesen, und ich bin ein Dichter geworden; meines Onkels Mutter dagegenhat den Cartouche gelesen, und Onkel Salomon ist Bankier geworden."
Wenn man in dem Gedicht „Deutschland, ein Wintermärchen" die Schilderungenliest, welche Heine über Hamburger Lokalitäten entwirft, so wird man auch mannig-fache Aufklärungen über seinen ersten Aufenthalt daselbst finden. Sein Freund,der „Papieroerkäufer", war ein Herr G. Michaelis auf dem Alten Steinweg,der sich warm für den Dichter interessierte. Ueber den „krummen Adonis", derTassen und andere Geschirre von Porzellan in den Gassen Hamburgs feilbot, findetman in dem reizenden Buch von A. Borchardt: „Das lustige, alte Hamburg" aus-reichenden Aufschluß. Der „kleine Meyer" war ein populärer Theaterkritiker, denHeine ebenfalls 1818 kennen lernte. Die Restaurationen, Kneipen und Keller vonCornet, Lorenz u. a. existierten wohl damals schon; auch die Drehbahn, von derhier natürlich nicht mehr weiter die Rede sein darf; ebenso die Salons von PeterAhrens und Dorgerloh, auf deren berüchtigten Bällen Heine Stammgast war.Schon damals war der Alsterpavillon sein Lieblingsaufenthalt und mit Vorliebespazierte er an schönen Nachmittagen über den Äungfernstieg, um, was er dorterlauscht und geschaut, in Prosa oder in Versen daheim zu feiern oder auchgelegentlich zu verspotten.
Im Frühjahr 1819 war der unglückliche Etablissementsversuch, wie gesagt, zuEnde, und damit auch Heines Aufenthalt in Hamburg.
Aber vor seinem Scheiden aus der Stadt sollte er noch ein Ereignis miterleben,welches einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn gemacht hat: nämlich eine kleineJudenverfolgung, welche ebenfalls im Jahre 1819 stattgefunden hat. Die schwüleStimmung zwischen Juden und Christen, von der Heine schon 1816 in seinemBriefe an Sethe schrieb, hatte sich 1819 in einem kleinen Judensturm entladen.Das Hep-Hep-Geschrei war damals, von Würzburg ausgehend, auch nach demNorden gekommen; der Judenhaß, der während der Franzosenzeit fast geschwundenwar, fing in der Epoche der Restaurationspolitik wieder zu rumoren an. Auch inHamburg warf der Pöbel den Juden die Fensterscheiben ein und prügelte sie,