Widersprüche der Zeit
ihre Nachteile mit der Zeit in Vergessenheit gerieten, auf der anderndurch Zulassung zu allen Schulen die gebildete Schicht unter denJuden stark im Wachsen war, die sich gegen eine Behandlung alsStaatsbürger zweiter Klasse auflehnte.
- Diese verschiedenen Stimmungen erfüllten das Heinesche Eltern-haus in Düsseldorf. Der Vater schwärmte für Napoleon, die Muttersoll preußisch und patriotisch gesinnt gewesen sein. Es klingt nichtsehr wahrscheinlich, beweist aber die Widersprüche und Gegensatze,in denen die Familie lebte. Auf der einen Seite ein Deutschtum,dem man sich fremd fühlt, obgleich man ihm alles verdankt, aufder andern Seite das französische Wesen, für das man sich be-geistert, obgleich man es nicht versteht und immer nur die Äußer-lichkeiten begreift. Sehen wir genauer zu, so sind es die großenGegensätze, die das gesamte Zeitalter spalten und jedem einzelnendas Gefühl der Einheit nehmen, es ist der Kampf der Romantikgegen die Aufklärung, der Vernunft gegen die Geschichte, der inunserm besondern Fall durch das Judentum gesteigert, ja auf dieSpitze getrieben wird. In dieser Welt des Widerspruchs hat HeinrichHeine seine Kindheit und die wichtigsten Jahre seiner jugendlichenEntwicklung verbracht. Staaten brachen vor seinen Augen zu-sammen und neue entstanden, die oft nur wenige Jahre, manchmalnur Monate existierten. Fürsten verloren ihre geheiligten Throne,die von Abenteurern und Glücksrittern eingenommen wurden. Re-ligionen wurden abgeschafft und wieder eingeführt. Die Welt glicheinem Narrenhaus, regiert von dem sinnlosesten Zufall. In diesemDurcheinander konnte der Knabe keine Festigkeit gewinnen, keineTradition, die den Charakter des Menschen bildet, am wenigstendie Ehrfurcht, die Goethe in „Wilhelms Meisters Wanderjahren"als Grundlage der Erziehung fordert. Deutschtum und Franzosen-tum, Judentum und Christentum, Vernunft und Aufklärung, Romantikund Klassik, Monarchie oder Republik, Glaube oder Unglaube, allediese Begriffe erschienen dem heranreifenden Jüngling nicht alshistorische Notwendigkeiten, nicht als sittliche Mächte von schicksals-mäßiger Bedeutung, sondern als Zufälligkeiten, denen man sich hin-