4lt
verarmte Mann, mit Weib und Kindern sein dürftiges Mittags-mahl genoß, trat der Herr von Fardün und Värenburg gebiete-risch zur Hütte ein. Die gastfreundliche Einladung, an diesem be-scheidenen Mahl Theil nehmen zu wollen, erwiederte der übermüthigeSchloßherr damit, daß er stolz in den Brei spie. AberChaldar fuhr em-pört auf, umkrallte Hals und Nacken des frechen Gebieters, stieß dessenKopf in das besudelte Gericht und erwürgte ihn mit den Worten:„Nun friß den Brei, den du gewürzt haft!" — Das Volk ver-nahm die That; brach auf. sie zu vollenden; erstürmte die hoheBärenburg und ließ sie in Flammen prasselnd zusammenstürzen.
Jenseits der Höhen des Bernhardinpasses, ins Mifoxerthalniederfteigend, glaubt' ich mich, wie von einer weichern Luft undreichern Pflanzenwelt, von einem jüngern, mildern Zeitalter um-fangen. Die weitläufige Ruine des Schlosses der alten Grafenvon Sax und M i so c co, später der mailändischen Trivulzi,trägt noch in ihrem Schutt das Gepräge fürstlicher Pracht undedlern Baugeschmacks. Der ältesten Alpenburgen plumper Trotzund rauhe Armuth ist schon gewichen. Aus der Symmetrie derhohlen Fenster, der Regelmäßigkeit der riesigen Gemäuer und ge-brochnen Thürme und Verzierungen des Gesteins, leuchtet schonSinn für Adel italiänischer Kunst, Stolz des Reichthums und üppi-gen Genusses eines civilisirten Zeitalters, wie von Silbersärgender Könige in stiller Todtengruft. Jetzt freilich liegt die zerstörteHerrlichkeit da am Wege, gleich dem modernden Geripp eines er-schlagenen Riesen, nur noch Siegesdenkmal der freien Bündneraus dem sechzehnten Jahrhundert. Auch wenige Stunden Wegs weiterabwärts, im Thale des Tessins, mahnten mich die hohen CaftelleBellinzona's und die gezackten Mauerzinnen der Stadt nochan die Tage schweizerischen Kriegesruhms; aber Armuth undSelbft-vernachläßigung der umherliegenden Dörfer auch zugleich an dieWirkungen der alteidsgenössischen Landesbevogtung, da die EnkelTells sich mit einer faulen Freiheit brüsteten, die Gerechtigkeitum Geld , und die Ehre des Vaterlandes um Fürstengunst feilboten.Erst in Lugano, wie es jetzt in jugendlicher Freiheit wieder er-blüht , dann unter Mailands Pallästen, Tempeln, Bildergal-erien, Bibliotheken, Bühnen und Luftplätzen, fand ich das neun-zehnte Jahrhundert wieder, mit allen Zeugnissen des fortgeschritt-nen Menschengeiftes in Wissenschaft, Kunst, Gewerbsfleiß undSittenmilde.
So trug ich das Gefühl davon, als hätt' ich, auf der Wande-rung von zwei Tagen, einen Weg durch zwei Jahrtaufende gemacht.