193
steller spricht von ihm. Und doch kundschafteten die Römer aufihren Feldzügen jedes Land mit Sorgfalt aus; freilich nur in mili-tärischer Hinsicht. Dazu war der Rheinfall ihnen wahrscheinlichohne Wichtigkeit. Landschaftliche Naturschönheiten hatten überhaupt,scheint es, keinen besondern Reiz für sie; wenigstens ließen siesich, selbst ihre Dichter, selten in Beschreibungen derselben ein.Vielleicht aber war auch der Rheinfall noch nicht Vor-hände n.
Daß dieser Strom einst, bevor er durch den Vvdensee ging,den Weg durch den Wallen- und Zürichsee in das Aarebett ge-nommen habe, ist kaum zu bezweifeln. Der venetische und akro-nische See des Alterthums (wie sonst der Bodensee hieß) hatredamals also keinen andern Abfluß von Gewässern, als von denen,welche ihm durch einzelne Bäche der schwäbischen und schweizeri-schen Seite zugeführt worden waren. Dieser Abfluß war unbe-deutend; ward mithin nicht beachtet, zumal wenn die jetzige Felswand,über welche das Wasser niederstürzt, noch nicht durch den Wogen-fall hervorgewühlt war. In Schaffhausen unter der Brücke,also eine halbe Stunde vom Rheinfall entfernt, ist die Oberflächedes Flusses um achtzig Fuß hoher, als die Flache desselben unter-halb dem Rheinfall. Das Wasser konnte daher zwischen den Felsen-ufern den Weg lange Zeit ohne Geräusch zurücklegen. Andersaber ward es, als der Rhein endlich seinen Lauf gegen den Boden-see durchbrochen hatte, und er die Fülle seines ganzen Wasser-schatzes in denselben ergoß, die er von 159 Gletschern und zahl-losen Waldströmen und Gießbächen des rhätischen Gebirgs em-pfängt. Dieß war freilich schon zur Zeit der Römer der Fall.Allein vielleicht gehörte noch ein Jahrtausend dazu und mehr, umdie allmählige, schräge Verflächung des Flußes so auszuwählen,daß unter den Felsen von Laufen ein senkrechter Wogenstnrz von79 — 89 Fuß entstand. Wahrscheinlich bohrt er sein Becken fortund fort tiefer. Wenigstens füllt er dasselbe nicht mit Geschieben aus.
Denn was der Rhein von Schutt und Schlamm aus den Ge-birgen und Thälern Graubündens fortreißt, setzt er im Bette desBodensees ab. Dafür ist in diesem noch Platz genug, weil ernicht nur einen Raum von zehn Geviertmeilen einnimmt, sondernstellenweis, wie z. B. zwischen Lindau und Bregenz eine Tiefevon 2399 Fuß, also eine größere hat, als die Nordsee und dasbaltische Meer. Wie würde der alte Ammian Ma reell in er-staunen, wenn er heut die Gestade des Bodensees oder des Bri-gantim'schen Sees, wie er ihn nennt, mit Städten, Dörfern,
25