IlS
VI.
Kanton Luzern.
i.
Die Stadt.
Wenn irgendwo die Natur in ihren Landschaftsgebilden mitpoetischer, wollüstiger Trunkenheit gearbeitet zu haben scheint, soist es in den nächsten Umgebungen der Stadt Luzern.
Diese, von den heimathlichen Hügeln umarmt, ruht voll an-muthigen Stolzes am Busen ihres prachtvollen Sees. Als wäresie sich ihres romantischen Reizes bewußt, spiegelt sie Tempel,Ringmauern, Gebäude und Thürme in seiner Klarheit. Mitseladongrünen Wellen tritt der Neußstrom leise aus ihm hervor,und trennt die Stadt in zwei ungleiche Hälften, die von mehre-ren Brücken wieder zusammengeschnürt sind, gleich dem Miedereines Mädchens von schmalen Nestelbändern. Der See selber,ungeachtet der Großartigkeit seiner Umgebungen, enthüllt hiernur das Liebliche. Er ist zwischen sanftabgerundeten Userhügeln,wie zwischen weichen Polstern, eingebettet, auf denen, wie Blu-men auf Sammetgrün, einzelne Villa's und ländliche Wohnungenumherliegen. In angemessener Ferne steigen neben ihm links derRigi, rechts der finstre Pilatus zu den Wolken des Himmelsempor, um dem großen Bilde zur Einfassung zu dien-en. Undvon einem zum andern spannt sich am Horizont des Hintergrundesdie kolossale Perlenschnur der Eisberge.
Der See windet sich von Luzern in mannigfachen Krümmun-gen durch das Gebirg der übrigen Waldstädte (Unterwalden,Schwyz und Uri) fantastisch hin; überall schön, überall mit ver-wandeltem Charakter; bald feierlich ernst in weiten, stillen Räu-men; bald finster und wild zwischen gigantischen Berggestalten, dieauf ihren schneeweißen Achseln das Gewölbe des Himmels tragen;