48
6.
Die Stadt Chur.
Zu den Füßen eines waldigen Gebirgs, vor einer Thalschlucht,aus welcher der Bergftrom der Plessur hervorrauscht, lagert sichdie uralte Hauptstadt des rhätischen Bundesftaats. Wenn sie auchihren Namen (Ouria liliaetorum) erst im vierten Jahrhundertunsrer Zeitrechnung empfangen haben mag, war sie gewiß dochschon Jahrhunderte früher eine römische Feste zur Bewachung desLandes. Noch ragen auf den Hügeln die hohen Trümmer zweie"Wartthürme, von Epheu - Ranken umsponnen, Marsöl undSpinöl Mars in oeulis, 8pina in ooulis) genannt. Im fünf-ten Jahrhundert war auch schon der Sitz eines Bisthums da.
Die Ansicht der Stadt und ihrer großartigen Umgebung ist voneinem Fußwege genommen, welcher auf der Höhe, hinter demKloster St. Luzk, ins Thal von Schanfik führt. Rechts dasKloster im Vorgrund mit seiner Kirche, umgeben von jener wun-derbaren romantischwilden Pracht und Größe, welche der eigen-thümliche Charakter bündnischer Landschaften ist. Im Hintergrundebreitet sich, auf der andern Thalseite, der Gebirgsstock des hohenGalanda aus, den der junge Rhein bespült. Aus der Fernestrahlt das Silberlicht der Gletscher.
Die Stadt selbst, nur von 4 — 5W0 Seelen bewohnt, tragtzwar noch in ihren Gemeindseinrichtungen, wie in der Bauart ihrerHäuser und engen, winkelreichen Gassen, ein ziemlich unverwisch-liches Gepräge mittelalterischer Reichsstädterei. Doch viel schon desVeralteten und Geschmacklosen, was die Großväter in ehrbarerGewohnheit von Großvätern erbten und treu bewahrten, ist in denletzten dreißig Jahren abgestreift worden. Verschönerungen, Be,quemlichkeiten und gemeinnützige Einrichtungen verdrängen immer-hin die alte Unbehol,enheit und Selbstverwahrlosung; und das Alleserst, seit Einverleibung Bündens in den Staatskörper der schwei-zerischen Eidsgenossenschaft. Nicht aber nur die kleine Hauptstadtdes rhätischen Föderativ-Staats, fondern dieser selbst fühlt sichseitdem mehr oder minder von einem andern Geist durchdrungen.—So wahr ist es, daß das Leben in gesellschaftlichen Verbindungenmit Andern, oder auch nur in besserer Gesellschaft, nicht nur aufCharakterbildung einzelner Menschen, sondern auf Civilisation ganzerVölkerschaften den entschiedensten Einfluß übet.