Nun waren zwölf verwaiste Kinder im Hanse. (Vier mußtenwohl schon heimgeholt worden seyn.) Die älteste Schwester waretwa 18 Jahre alt. Man vcrtheiltc daher die Waisen unter dienächsten Verwandten.
Den Martin trug seine älteste Schwester auf dem Nuckenam Pfingstmontag bis nach Augsburg, und übergab ihn seinemOheim, dem geistlichen Nach und Fiscal Kögel.
Sic ward auf der Reise unter dem Druck ihrer Last so müde,daß sie den Martin in einen Kornacker hinwarf, ihn liegen ließ, undallein nach Augsburg ging. Der verlassene Martin weinte, schliefaber endlich in dem Kornbctte sanft ein. Etwa Nachmittags um vierUhr holte sie ihn ab, und brachte ihn nach Augsburg, stellte denselbenseinem Oheim vor, und bat ihn, daß er ihn an Kindes Statt auf-und annehmen möchte.
Martin wollte aber durchaus nicht in Augsburg bleiben (alswenn er ahnete, daß dicß sein Marterplatz würde), sondern mit seinerSchwester nach Hause gehen. Am dritten Tage aber ging dicSchwe-stcr sehr frühe weg, ohne von ihm Abschied zu nehmen; und aufdiese Art mußte er bleiben, wo sie ihn abgesetzt und angebrachthatte.
Als Martin etwa acht Jahre alt war, schickte ihn der Oheim indie Schule zu U. l. Fr., wo er lesen und schreiben lernen mußte.
Als er etliche Jahre in diese Schule gegangen war, sagte ihmsein Oheim, da er ihn um das Schulgeld bat: „Da, du! Jetzt mußtdu die Schule verlassen und ein Handwerk lernen. Was willst dudenn werden?" Martin antwortete darauf: Ich möchte gern einGeistlicher werden. Der Oheim: „Ja wohl! Du willst cinGeist-lichcr werden?! Dazu hast du kein Talent und kein Geld." Dasschmerzte den Martin. Doch sagte darauf der Oheim, er sollte nachTische zu ihn: kommen, er werde "ihm ein Schreiben an seinen Lehrermitgeben, um sich zu erkundigen, wie und was er lerne.
Der alte Lehrer gab ihm das beste Zeugniß, daß er unter 390Schülern der beste, der fleißigste, und sein erster Principisi (in denAnfangsgründen der lateinischen Sprache der vorzüglichste) sey, unddaß es Sünd' und Schade wäre, wenn er den Martin nicht fortstu-dircn ließe.
Der Martin hatte nämlich die Anfangsgründe der lateinischenSprache heimlich gelernt, ohne seinem Oheim (aus Furcht) etwasdavon gesagt zu haben, der übrigens auch das ganze Jahr nie nachihm fragte.
Als Martin das gute Zeugniß seines Lehrers nach Hause ge-