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Das Buchhandlungshaus K. F. Koehler in Leipzig : 1789 - 1889 ; ein Rückblick auf s. 100jähriges Bestehen
Entstehung
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Bskar Bandes Erinnerungen. jvZ

mein verehrter Lehrherr im Laufe des Vormittags an ein Dutzend mal undder „Rleine" mußte trappen bei Regen und Sonnenschein, bei Schnee und Frost,— und am Nachmittag war der „Rleine" wiederum bis zur sinkenden Nachtderjenige, welcher das auswärtige laufende Geschäft mit „affenmäßiger Ge-schwindigkeit" zu besorgen hatte.

Nachdem man sich anderthalb bis zwei Jahre hindurch die gründlichstenKenntnisse über die Straßen Leipzigs und deren Pflaster angeeignet hatte, kamendlich auch für den strebsamen jünger des Buchhandels die Zeit, wo er zuHöherem berufen ward. Der Lehrling wurde zum Avisieren der Ballen ver-wandt. Mit Unterstützung einer Hütsche mußte derselbe sich zu dem aus demPulte liegenden sehr dicken Avisbuche emporranken, und nun ging's los:; Brockhaus, 5 Gotta, ; perthes, 5 Baumgärtner:c. rief der „alte Schnabel"mit lauter Stimme, und gewissenhaft, wohl auch bisweilen leichtfertig, schriebder hoffnungsvolle Buchhändler diese Namen in das erwähnte Avisbnch ein.Dieses „Ginschreiben," wie es genannt wurde, war immerhin keine leichteArbeit, aber für Geist, Herz und Gemüt sehr erhebend, besonders am Freitag,wo man diesem Genuß sich sechs Stunden hintereinander hingeben durfte.Hätte der alte Schnabel für jedes Paket, welches er in seiner langen Wirk-samkeit hat einschreiben lassen, nur einen Pfennig bekommen, er wäre ein kleinerRothschild.

Der Avisierungstage muß ich überhaupt mit besonderer Vorliebe gedenken,indem es an denselben, besonders in später Abendstunde ganz gemütlich zuging,der stets liebenswürdige Prinzipal stärkte uns an solchen Tagen durch Bier,Wurst und Semmel. Auch soust herrschte im Geschäft ein höchst angenehmerVerkehr und ein überaus humaner Geist, so daß ich mich trotz meiner Ab-neigung gegen den Buchhandel nach und nach behaglich befand.

Der bereits erwähnte erste Gehilfe Hofsmann war freilich ein vor-nehmer Herr, der aus ein so unscheinbares Rerlchen, wie ich es war, mitsouveräner Verachtung herabblickte. Gr war aber auch für mich der Znbegriffdes höchsten buchhändlerischen Wissens, — und als vollends der alte Schnabelmir eines Tags als tiefes Geheimnis anvertraute, daß Herr Hoffmann täglicheinen Thaler Gehalt beziehe, da wagte ich diesen buchhändlerischen Rrösus nurnoch aus der Ferne scheu anzublicken, denn solcher Reichtum war mir denndoch noch nicht vorgekommen.

Gs herrschte damals ein, nennen wir es patriarchalisches Verhältniszwischen dem Prinzipal und dein Personal, Gehilfen gab es nicht, nur „Diener;"die Markthelser, ob alt, ob jung, wurden mit du angeredet, aber der HerrThef bekümmerte sich auch bis in die kleinsten Einzelheiten um seine Leute.So hatte der Diener Hosfmann, der viel aus sein Äußeres hielt, eines Tagesgefunden, daß ein Schnurrbart wesentlich zu seiner Verschönerung beitragenwürde. Doch kaum hatte Roehler die Metamorphose an Hoffmann bemerkt,als er diesem sagte: „Lieber Hoffmann, ein Schnurrbart paßt nicht für einenBuchhandlungsdiener." —

Gin äußerst spaßiger Herr war der zweite „Diener" im Roehlerschen Hause,der auch schon erwähnte Stolp; er wußte allen Dingen die heiterste Seiteabzugewinnen, er verstand es in schwungvoller Rede mir auseinander zu setzen,wie ich durch das Zettelaustragen und Ginholen der Auslieferungen die höchstenGüter der Menschheit fördere und den erhabensten Zdealen der Welt michdadurch dienstbar mache.