130
und sie konnte mich für manches entschädigen. Aber, muß ichwieder sagen, es traten hier so manche Hindernisse in den Weg,die mir den nahen Umgang mit ihr verleideten. Ihr Mann,kein böser Mann, aber ein Mann voll übler Launen. Ob erschon manche Vorliebe für mich hatte, so waren nur doch seineLaunen in Betracht meiner darunter leidenden Schwester sodrückend, daß ich mich immer bald wieder nach Hause sehnte, wodergleichen Schwachheiten nie vorkamen. Ob meine Schwester deinzuweilen hätte vorbauen können, muß ich unerörtert lassen, daich denn theils zu jung war um es richtig zu beurtheilen, theilsmeine Parteilichkeit für sie zu groß war. Sie war von sehrgutem Herzen eine thätige Wirthin und fleißige Hausfrau. Siehatte auch einen richtigen guten Verstand Gewandtheit und schnel-len Witz, aber es fehlte ihr oft an der nöthigen Feinheit undliefen manche Unbesonnenheiten vor, die mehr in ihrer allzu-großen Lebhaftigkeit als in dem Mangel an gutem Willen lagen.Ueberdies lebte und webte sie in ihrer Wirthschaft; dies hindertesie ihre Geistesfähigkeiten zu der Reife zu bringen, wozu sie sotreffliche Anlagen hatte. Doch muß ich auch hier sagen, so wieich die Gefühle und Wünsche meines Herzens durch künstlicheArbeiten zu verdrängen suchte so hatte sie nur diesen einzigenGegenstand ihre Wirthschaft um manches, was ihr häuslichesGlück störte, dadurch zu mildern, wenn sie diese durch ihren Fleißund Ordnung emporblühen sah."
„Ich ward gesund, und mein Bruder starb, sagte ich oben.Dieser blühende Jüngling, der seit seiner Kindheit nie krankgewesen war, verfiel in den ersten Tagen des Monat Februar1769 in ein hitziges Fieber und starb am 26. desselben Monats.Er — ließ sich kurz vor seiner Krankheit examiniren und zumBaccalaureus machen wollte im März die Doctorwürde anneh-men, wo er kurz vorher starb. Sein Tod erschütterte mich überallen Begriff. Ich verlor eine sehr treue Seele an ihm. Dieswar schon genug mich in grenzenlose Traurigkeit zu stürzen.Ach! aber wie tief ward mein Herz erst verwundet, als ich durchmeinen mittelsten Bruder zu Pleß von manchen Verirrungenunterrichtet ward, die sich dieser mein jüngster Bruder hatte zu