Druckschrift 
4 (1843)
Entstehung
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Marburg, Hauptstadt der Provinz Oberhcsscn imKurfürstenthum Hessen und Sitz einer von alter Zeit her be-rühmten Universität, mit 7800 Einwohnern, ohne das Militärund die Studenten (letztere in der Zahl von 200 250), liegtan dem rechten Ufer der Lahn, an dem Abhänge eines Berges,in einem schönen ringsum von grünen Höhen eingeschlossenenThale. Außer dieser lieblichen Umgebung gereicht der Stadt,deren Straßen der gebirgigen Lage wegen sonst eng und ab-schüssig sind, das alterthümliche Schloß auf dem nach ihmbenannten Schloßbcrge (besonders merkwürdig durch das Re-ligionsgespräch, welches 1529, in Gegenwart des LandgrafenPhilipp des Großmüthigen, zwischen Luther und Zwingli hierstatt hatte) und vor allem die Elisabethen kirche zur aus-nehmenden Zierde. Von allen Seiten her hat das Bild diesesherrlichen Gotlestempels in den Verhältnissen zur Umgegendetwas unendlich Malerisches, und sowohl von dem jenseitigenUfer der Labn, von dem Schloßberge und von dem Weinberge,als von dem fernen Dammclsberge tritt es mit gleicher Maje-stät als der Ccntralpunkt des landschaftlichen Gemäldes hervor,wenn es auch nicht zu läugnen ist, daß die Elisabethenkirchedurch ihre tiefe Lage am Ufer der Lahn und die hoch über siehinausragenden Berge an ihrer stattlichen Haltung etwas ver-liert, während sie, an einen höher gelegnen Ort gestellt, gleicheiner Königin die Gegend beherrschen würde.

Die Geschichte dieser Kirche ist zu sehr mit den Schick-salen ihrer heiligen Namengebcrin verwachsen, als daß wirnicht das Wichtigste daraus, derselben voraus schicken sollten.

Die heilige Elisabeth, eine Tochter Königs Andreas II.von Ungarn und Gemahlin des Landgrafen Ludwig vonThüringen, gehörte zu jenen mit schwärmerisch glühenderEinbildungskraft begabten weiblichen Naturen, die an derHand eines milden Führers, der die edlen Keime eines wahr-haft schönen Herzens zu erkennen und zu pflegen versteht, sichzur Freude der Menschheit zu entwickeln vermögen, statt dessenaber verkümmern und mit sich und der äußeren Welt zerfallen,wenn sie unter die Herrschaft eines Mannes gerathen, der, sowie Elisabethcns Beichtvater, von blutigem Fanatismus durch-

drungen, die düsteren Religionsanstchtcn seiner Zeit noch dü-sterer gestaltend, in dem Gott der Liebe nur den Gott desSchreckens erkennt und jegliche heitere Freude als sündlichverdammt. Dem Willen Konrads von Marburg so hießsein in der Geschichte berüchtigter Name blindlings unter-worfen, war Elisabeth schon als religiöse Schwärmerin ausge-bildet, als noch ein liebevoller Gatte ihr zur Seite stand. Schondamals sehen wir sie, ihrer Pflichten gegen Galten und Kindervergessend und den schönen Zweck des weiblichen Daseins ver-kennend, durch Kasteiungen ihren Körper zerstören, und wennauch »»ermüdet in der Sorge für Nothleidende und Kranke,doch auch dabei oft alle Rücksichten für die Ihrigen aus demAuge verlieren und ihre Wohlthaten mit unverständiger Ver-schwendung verschleudern. Dieses Alles steigerte sich aber, nach-dem der Tod ihr den geliebten Gatten entrissen hatte.

Landgraf Ludwig war eben im Begriffe, Kaiser Frie-drich II. auf seinem Kreuzzuge nach Palästina zu begleiten,als ihn am 11. Sept. 1227 zu Otranto, kurz vor der Ein-schiffung, plötzlich der Tod ereilte. Als die Trauerbotschaft inder Heimath anlangte und Elisabeth überbracht wurde, darief diese, vom Schmerze gebeugt:Nun ist die Welt mir ge-storben, und Alles, was sich darin liebt!" Durch ihren Schwa-ger, Landgraf Heinrich, genöthigt, die Wartburg und Eisenach,wo sie die Jahre ihrer Jugend und ihrer Liebe verlebt, zu ver-lassen, wandelte sie mit ihren Kindern, verlassen von den Men-schen, und sogar von denen verhöhnt, welchen sie wohlgethan,ohne Heimath durch das Land, welches ihr Gatte noch vorKurzem beherrscht, bis ihre Muhme, die Aebtissin von Kitzin-gen, sie zu sich nahm, und hierauf ihrer Mutter Bruder,der Bischof von Bamberg, ihr das Schloß Bottcnstein ein-räumte. Erst als mit ihres Gatten Gebeinen auch dessenBegleiter zurückgekehrt, wurde durch diese der Landgraf Hein-rich zu mildern Gesinnungen gestimmt, und Hur Versöhnungmit derselben bewogen. Elisabeth fand jetzt nicht nur wiedereine freundliche Aufnahme an dem landgräflichen Hofe zuMarburg, sondern erhielt auch das Amt Marburg zum Wit-thum angewiesen.