Druckschrift 
4 (1843)
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

W a m e l n.

-Hameln, eine sehr alte Stadt und ehemalige Festungvon etwa 6600 Einwohnern, im Fürstentum Ealcnberg, Land-drostey - Bezirk Hannover des Königreichs gleichen Namens,liegt in einem etwa Stunde breiten, anmuthigen und frucht-baren, von reichbewaldeten Bergen umgebenen Thale am rechtenUfer der Weser, iu welche sich hier der kleine Fluß Hamcln ergießt.

Die Stadt ist größtenteils mit einer Mauer umgeben,welche ehedem mit SU Thürmen besetzt war, von denen abergegenwärtig nur noch 3 erhalten sind. Der Wall wurde imJahre 1808 mit den übrigen Festungswerken dcmolirt und istzu einer mit Bäumen besetzten hübschen Promenade umgeschaffeu.

Vier Thore führen in die Stadt. Das Mühleuthor,von der früher, vor demselben belegcncn Stiftsmühle so ge-nannt, ferner das Oster- oder Fürstenthor, welches früher einenhohen, massiven, mit einem Kuppeldach versehenen Thurm hatte,der zur Verwahrung gefährlicher Delinquenten diente. So be-schloß darin sein Leben der Doktor Krumholz, Prediger an derSt. Petrikirche zu Hamburg, welcher wegen tumultarischcnBetragens von Reichswegen im Jahre 1709 verhaftet undhierher gesandt wurde, wo er 1725 starb.

An dem Brücken- oder Wescrthore stand bis zur Errich-tung der Kettenbrücke, an der Stelle der nicht mehr vorhande-nen capella IVIariae ante ponlem ein Stein halb in die Erdegegraben, mit einem Kreuze bezeichnet, unter welchem ein PaarPflugeisen abgebildet sind, und einer Umschrift, welche gelesenwird: ^.uno llomini iVI.O.OD.ll. ickibus ipsis ckuini (oder: i»Nie primi ckimii) Irenaeus Vckermaim, Dieses Denkmal sollder Sage nach auf die Strafe des Kopfabpflügcns sich beziehen,welche denjenigen traf, der Grenzsteine und Grenzen verrückteoder schmälerte.

Dieser Stein ist seit kurzer Zeit an dem unten erwähntenStädtischen Armcnhause wieder aufgestellt.

Das Neue Thor wurde 1531 statt des Thy- und Wett-thores erbaut, welche damals eingingen. Das Thythor hatteseinen Namen von dem plattdeutschen Worte: Thy oder Thie,welches einen umhegten Platz zu Gemeinde- oder Gerichts-Versammlungcn dienend, bedeutet, und ist deßhalb zu vermu-then, daß vor diesem Thore dergleichen Versammlungen gehal-ten wurden. Der Ursprung des Namens Wettthor ist unbe-kannt, und schwerlich von Wettspielen, welche vor diesem Thoreangestellt wurden, herzuleiten. An dem Neuen Thore selbstbefindet sich ein Stein, an welchen sich die Sage von demHameln'schen Rattenfänger knüpft. Die Sage ist folgende:In Hameln hatten Ratten und Mäuse so sehr überHand ge-nommen, daß Menschen und Thiere vor ihrer Gefräßigkeit nichtmehr sicher waren. Man sah sich überall »ach Hülfe um, daerschien ein fremder, buntgekleideter Mann, der für eine großeBelohnung Erlösung von der Plage versprach. Der Fremdezog nun mit einer gellenden Pfeife blasend durch die Stadt,und schaarenwcise folgte ihm das Ungeziefer, das er in dieWeser führte. Die Bürger aber versagten ihm den versproche-nen Lohn, unter dem Vorgeben, daß er durch Teufelskünste

das Ungeziefer verbannt habe. Der rachsüchtige Zauberer ent-fernte sich zwar, kehrte aber nach etlichen Tagen in die Stadtzurück, als die Bürger in der Kirche waren. Er durchzog dieStadt und blies so wundersame Weisen auf seiner Pfeife, daßeine große Anzahl Kinder ihm folgte, welche er in denKvppcl-berg vor dem Ostcrthore führte, wo sie verschwanden. Nureine Magd hatte dieses traurige Ereigniß gesehen und es den.Bürgern erzählt. Lange nachher hörte man jedoch, daß dieHameln'schen Kinder in Siebenbürgen wieder herausgekommenseyen, und daß viele Leute dort die Hameln'schc Mundart redeten.

Daß dieser Sage eine historische Bedeutung unterliegt,ist eben so wenig zu bezweifeln, als daß die Begebenheit, welchezu der Sage Veranlassung gegeben bat, für Hamcln von Wich-tigkeit gewesen seyn muß. Hierauf deuten nicht nur viele localeErinnerungen, sondern bis zum 17. Jahrhundert datirte derRath der Stadt häufig seine Urkunden: im soviclstcn Jahrenach unserer Kinder Ausgang".

Zur Erklärung der Sage beruft man sich vor Allem aufden erwähnten Stein am Neuen Thore. Dieser besteht augen-scheinlich aus zwei, ganz verschiedenen Zeiten zugehörigen Thei-len : die obere Hälfte enthält die Jahreszahl: Xnv. ckm.IVIDDOOD. vn. XXXI. (1531) auf der untern Hälfte befin-den sich die Worte: Xnno 1556 mit der Unterschrift: (lentuter üe»()8 cum nm^us ab urbo xuellos ckuxerat anle 272 cvn-«lita xorla kui. Das Jahr 1556 soll das Jahr bezeichnen, inwelchem die lateinischen Verse der Ueberschrift angehängt wur-den, dagegen enthält der obere Theil das Jahr, in welchemdas neue Thor erbauet wurde. Zieht man 272 hiervon ab,so ergiebt sich die Zahl 1259. In diesem Jahre den 28.Juli fiel während der Fehde, welche die Stadt im Bundemit Herzog Albrecht von Braunschweig und dem Grafen vonWunstorf gegen den Bischoff Wedekind von Minden zur Be-hauptung ihrer Unabhängigkeit von letzter:» führte, die entschei-dende Schlacht bei Sedcmünden vor. Besonders litt darin diewehrbare Jugend der Stadt; viele blieben auf der Wahlstatt,noch mehrere wurden nach Minden in schmachvolle Gefangen-schaft geführt. Nachdem die FriedcnSunterhandlungen, in wel-chen die Stadt kleinmüthig die Forderungen des Bischoffs zu-gestand, sich zerschlagen hatten, begann die Fehde von Neuem.Herzog Albrecht im Bunde mit der Stadt belagerte Mindenund erzwäng dadurch günstigere Bedingungen: unter andernwurden die Gefangenen von Scdemünden zurückgegeben.

Hieraus erklärt man nun die angeführte Sage etwa so.Der Bischoff von Minden hatte von dem Abte von Fulda dessenHoheitsrechte und Schirmvoigtey über Hamcln gekauft, undsuchte anfänglich die Bürger mit vielen glatten Worten zu be-wegen, sich ihm gutwillig zu unterwerfen. Das war der fremdeRattenfänger mit den Zaubertönen seiner Pfeife, welche sodanndie Hameln'schen Kinder die wehrbare Jugend der Stadtnöthigten, daß sie in den Berg gingen, das hieße, sie wurdenden Augen der Bürger entzogen, als sie in die Berge, demHerzog Albrecht zu Hülfe eilten. Sie kamen endlich in Sie-

l"*'