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Wandmalereien des christlichen Mittelalters in den Rheinlanden
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sondern sie gelangen in jene äussere dramatische Lebendigkeit, deren älteresBeispiel uns die Austreibung der Wechsler und Taubenkrämer in Rheindorfgewährt. Das Schematische weicht in der äussern Erscheinung vor dem Indi-viduellen zurück. Die zarten Köpfe sind alle klein, blauäugig, mit vollembreiten, jetzt durchgängig hellblondem, lockigen Haar, das in Brauweiler nochgestrichelt, in Rheindorf schon freier behandelt erschien. Die langen, mit-unter überlangen Figuren, mit schlanken Gliedern, spitzen schmalen Fingern,leichten Biegungen in der Haltung, fliessenden Gewändern ohne künstlichesGefält bekunden die neue Freiheit der künstlerischen Entwicklung. Anmuthund Zartheit ist über die Gestalten dieser Bilder ausgegossen: die KrönungMaria und die musicirenden Engel, die Gruppen der Seligen und Verdamm-ten sind durchhaucht von seelischem Leben. Es ist der Geist des 13. Jahr-hunderts, aus dessen Begeisterung der Kölner Dombau entstand, und derhier in leichten Formen ein liebliches Kunstwerk schuf 1 ). Leicht undfast flüchtig sind auch in technischer Hinsicht diese Bilder hingeworfen.Die in rother Zeichnung contourirten und ohne Zögern oft verbessernd über-gezeichneten Figuren zeigen einen Fluss der Linien, wie ihn nur mühelosesSchaffen eines sichern Künstlers hervorzubringen vermag 2 ).

1) Weyden in Baudri's Organ für christl, Kunst, 1860 S. 271 ist sehr im Irrthum, wenner von den Ramersdorfer Wandgemälden sagt, ,,sie zeigen einen Rückschritt der Kunst; vergessen ist

die christliche Tradition mit ihrem edlen Ernste, ihrem Gefühl für richtige Verhältnisse.....Es

mangelt mit Einem Worte, Zeichnung und Formenverständniss. Die Kunst ist kleinlich geworden, hatden monumentalen Character eingebüsst, trägt den der Miniaturmalerei jener Periode, behandelt daherauch mit besonderer Vorliebe die Ornamentation, die ebenso zierlich als mannigfaltig in ihren Formenist." So kann nur sprechen, wer für den grossartigen Fortschritt, den die Wandmalerei des 13. und14. Jahrhunderts durch grössere Individualisirung, realere Durchbildung und lebendigeren Affekt gemachthat, das richtige Verständniss nicht besitzt.

2) Hohe bemerkt in einer seinen Copien beigegebeneu Erklärung Folgendes:

1. Die Capelle enthielt 65 Bilder, nämlich: an der Decke des Kirchenschiffs .... 14 Bilder

Einzelne Figuren jede zu 5 Fuss 6 Zoll hoch enthielten die drei Kirchenwände..... 18

an der Decke des Mittelchors.....................8

an den Seitenwänden desselben, wovon zwei in kleinen Nischen zur Rechten u. Linken der Wände 5 ,,Die beiden kleinen Seitenchöre enthielten.................20

zusammen . . 65 Bilder.

2. Bilder und Uebermalung der Säulen und Rippen etc. war Temperamalerei. 3. Die herrschendenFarben sind Roth, Blau und Gelb ; Grün kommt selten vor. Diese Farben wechseln auch an denSäulenknäufen, Basen, Rippen und Graden. 4. Die Schäfte sind abwechselnd roth oder grau schema-tisch marmorirt. 5. An den Verzierungen der Rippen und Grade ist zumeist die Lilie vorherrschend.

Aus dieser Zeit, vom Schluss des 13. Jahrhunderts noch, stammen unsresErachtens die Deckengemälde des Mittelschiffes, des Mittelchores, wie der Seiten-schiffe mit Ausnahme der zwei mittlem, und aus der ersten Hälfte des 14. Jahr-hunderts die statuarischen Figuren der Wände. Um mindestens mehrere Jahr-zehnte später, nach der Mitte des 14. Jahrhunderts, sind die Bilder der Seiten-chöre, vielleicht auch noch einzelne Gestalten der Wände entstanden. Ind diebreiten Gewänder der h. Catharina und Elisabeth lassen vermuthen, dass auchdiese ganz ausserhalb des Cyclus der biblischen Darstellungen bleibenden beidenFiguren der Decke Zufügungen der späteren Periode sind.

6. Bei allen Heiligen war der Nimbus vergoldet. 7. Die Sterne an den Deckengemälden und vieleschwarze und violettschillernde Verzierungen auf den rothen Gewändern zeigen Spuren von metallischerSubstanz und waren vielleicht versilbert. 8. Alle Figuren sind sehr schlank und haben lange Händeund spitze Finger; reiche schematisch angeordnete Haare von gelber Farbe und faltenreiche Gewänder,über welche häufig steife Verzierungen, ohne Rücksicht auf Abrundung und Faltenwurf gleichwie aufeiner ebenen Fläche, hinweglaufen. Diese bestehen zum Theil aus gegitterten Linien mit Kreuzen inden Gittern, oder aus Pfauenaugen. 9. Die Figuren an den Wänden der Kirche und der Chöre sindmit gothischen Verzierungen umgeben und ruhen in der Kirche auf blauem Grunde und in den Chörenauf weissem Grunde mit blauer Einfassung. 10. liier und da kommen Bandstreifen mit gothischer(Minuskel) Schliff vor, und nur über einer zugemauerten Thür der vordem Wand zeigen sich Spureneiner römischen (Majuskel) Schrift. 11. Alle Figuren waren mit Roth gezeichnet und zeigte sichzuweilen, mehrfache Ueberzeichnung, so dass da, %vo die andern Farben verschwunden waren, die rich-tige Form oft schwer herauszulaufen war. 12. Die Figuren in den drei Chören hatten keine Verzie-rungen auf den Gewändern, waren blasser von Farben (ist nur der schärferen Lichteinwirkung im Chorzuzuschreiben. W ), aber mehr abgerundet an ihren Gewändern, und hatten freiere Anordnung in denHaaren. 13. Die Flächen in der Kirche und den Chören, worauf die Bilder gemalt waren, bestehenaus einem glatten und feingeschliffenen Stuck; dagegen ist der Verputz an den Spitzbogenfenstern inden kleinen Chören, an den Rundbogenfenstern im Mittelchor (23 Fuss von unten herauf) und 45Fuss von unten herauf an den Kirchenwänden herum rauh und grobsandig, so dass man die Quastenstrichesieht, worauf die Bilder in den Spitzbogenfenstern gemalt waren. Der obere Theil der Rundbogenfensterbesteht aus dem glatten und feinen Verputze und sind auf dem untern rauhen Theil herablaufendeArabesken nachgemalt. Ebenso waren in der Kirche die Beine des h. Christoph wieder nachgemalt,jetzt aber kaum mehr zu erkennen. 14. Da nun von aussen und innen der Kirche, die Verlängerungder Rundbogenfenster nach unten, der Durchbruch der Spitzbogenfenster mit seinen Einfassungen vonTrachyt und andern Verstümmelungen deutlich und unzweideutig zu erkennen sind, so folgt hierausund nach den oben angeführten Abweichungen der Malerei, dass diese Durchbrüche gleich den aufrohem Verputz gemalten Bildern in den Chören, einer spätem Zeit angehören als die der Kirche.15. Dagegen scheint die Bemalung der Säulen und Rippen (die alle, bis auf die vier freistehendenPfeiler im Kirchenschiff und einige Pfeilerbasen von Tuffstein sind) wie auch der Gewölbe, der frühem.Malerei anzugehören.

Universitäts-Buchdruckerei von Carl Georgi in Bonn.