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Wandmalereien des christlichen Mittelalters in den Rheinlanden
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I

Rande eingefassten Glorie thront der wiederkehrende Heiland, mit blauweisserTunica und braunrothem Ueberwurf bekleidet, und segnet mit ganz geöffneter,weder in lateinischer noch griechischer Weise gehaltenen rechten Hand. DieLinke ruht auf dem geschlossenen, auf hellrothem Grunde schon mit gothischemBlattwerk ornamentirten Buche. Das lange in der Mitte getheilte Haar und derVollbart sind strichweise gehalten; die Balken des Kreuznimbus noch geradlinig.Die nackten Füsse stehen auf hellgrünem Suppedaneum, innerhalb eines aufdem Boden liegenden mit drei Lilien geschmückten Kronreifens, wie wir einenganz gleichen zu Füssen des thronenden Heilandes in der Kilianskirche zuLügde bei Pyrmont erblicken 1 ). Die Grösse des Reifens verbietet uns, darineine Beziehung zu einer fürstlichen Person angedeutet zu finden, welche etwaan diesem Bilde als Donator betheiligt gewesen wäre. Vielmehr dürfte derselbeals ein Hinweis des Künstlers auf die potestas magna und maiestas Dominigelten, in welcher nach Lucas XXI, 2 der Menschensohn am jüngsten Tagewiederkehren wird, oder aber als eine jener Kronen, welche nach der Offen-barung des Johannes IV, 10 die vierundzwanzig Aeltesten vor dem Throneniederlegen. Umgeben erscheint der Heiland zunächst ausserhalb der Mandorla vonden Symbolen der Evangelisten und zwar zu Häupten von denen des Matthäus undJohannes (Mensch und Adler) unten von denen des Marcus und Lucas (Löwe undStier), die jeder ein Buch halten, und von vier Heiligen, rechts Johannes dem Täuferin flehender Stellung, kenntlich an dem härenen Untergewande, und Stephanus in derDalmatica der Diakonen mit der Palme; links steht Petrus in grauem Gewändemit dem Kreuzstab und ohne Schlüssel 2 ) und Laurentius, dessen Linke ein Buchhält, und dessen Rechte sich in einer Haltung befindet, welche auf das ehemaligeEmporhalten einer Palme schliessen läset.

Zu Füssen des Gottessohnes in anbetender, fast liegender Stellungblicken rechts ein Bischof mit weisser Mitra, rother Casel und weisser Albe,links eine Nonne in weissem, weitärmeligem Unterkleid und rothem Mantel miterhobenen Händen zum Heiland empor. Dass in diesen beiden Personen Erz-bischof Arnold und seine Schwester Hadewig zu erblicken sind, dürfte keineBeanstandung finden.

Das Aveisse Schriftband am Wölbungsbogen enthält in schwarzen Buch-staben wiederum eine in leoninische Hexameter umgebildete Bibelstelle. Vondem Anfang der Inschrift sind nur die Buchstaben . . V . . . Nl und das WortOPERTVM erhalten, vielleicht unter Bezugnahme auf mehrere Bibelverse eine freieWiedergabe der Stellen bei Joh. 3, 17 und 1 Joh.4, 9 filium Vnigenitum ignomi-Nla OPERTVM IN MVNDVM MISIT, QVEM VICTA MORTE REVISIT, was einenguten Sinn, aber freilich keinen prosodisch richtigen Rhythmus ergeben würde:Gott hat seinen eingeborenen Sohn mit Schmach bedeckt in die Welt gesandt,die er nach seinem Sieg über den Tod wieder heimsucht (revisit als Präsensvon revisere aliquem).

Für die Wortreste: . . . . A . . LEO.......RO . . . . E.....T

und...............O . . . IORE .. T . . . . LEO ...T..."E.E..

auf dem weissen, roth eingefassten Bande, unterhalb des Bildes zu beidenSeiten des Vierpassfensters, lässt sich bei deren grosser Lückenhaftigkeit eine an-nähernd zutreffende Deutung nicht geben.

Das ebenerwähnte Band trennt die Wölbung von dem darunter befind-lichen Wandbilde, welches durch ein Vierpassfenster in zwei gleiche Hälftengetheilt wird.

In jeder Wandhälfte erblicken wir fünf stehende Heilige. Rechts vomHeiland die heiligen Aerzte Gosmas und Damianos mit Palmen in der freienRechten und Salbenbüchsen in der mit dem braunrothen Mantel verhüllten Lin-ken, daneben drei Krieger, der erste in eng anliegendem Wamms und vorndurch eine Agraffe zusammengehaltenem, nach hinten herabfallendem rothemMantel, mit Lanze, Schwert und Schild, als Eustachius bezeichnet. Da Eustachiuseiner von den vierzehn Nothhelfern ist, so liegt die Vermuthung nahe, dass auchdie beiden weiterfolgenden, nicht durch Beischriften bezeichneten Heiligen, vondenen einer ebenfalls ein Krieger ist, dem Kreise derselben entnommen sind.

Die Gruppe links vom Heilande eröffnen die vier zu den Thebäern ge-rechneten Heiligen: Mauritius, Cassius, Florentius und Mallusius, durch ihreWaffenrüstung und die Aufschrift kenntlich ; denen sich als Märtyrer mit derPalme Hippolytus in blauweisser Tunica und rothem Mantel hinzugesellt. InStrümpfen resp. beschuht erscheinen alle zehn Heilige, von denen acht durchihre in schwarzer, abgekürzter, gothischer Minuskelschrift oberwärts beigefügteNamen näher bezeichnet sind, während für zwei derselben eine solche Bezeich-nung fehlt. Hadewig, die Urheberin dieser malerischen Ausschmückungdes Ghores, war Aebtissin von Essen und Gerresheim. Die Beziehung geradezu diesen Würden deuten die Heiligen an, welche an beiden Seiten die Reiheeröffneten, beziehungsweise abschliessen: die heiligen Aerzte Gosmas und Da-mianus waren die Patrone von Essen; Hippolytus Patron von Gerresheim 3 ).

Unter dem diese beiden Gruppen trennenden, mit geschmackvollemOrnamentbande eingefassten Vierpassfenster hält ein Engel dem Beschauer einSchriftband entgegen, dessen Aufschrift leider gänzlich erloschen ist. Der dieganze Absidenmalerei nach unten abschliessende breite Hand zeigt eine freieBehandlung des Maeander, wobei blaue, grüne, gelbe, rothe, dunkel- undhellbraune Farben zur Verwendung kamen.

l"i Abbildung bei Aldenk irchen, die mittelalterliche Kunst in Soest (Bonn 1875) Taf. II.Vgl. daselbst S. 16.

2) Petrus ohne Schlüssel nur mit dem Kreuzstab findet sich auf einem Reliquiar inZell a. d. Mosel (Abbildung in meiner. Kunstdenkmälern Taf. LIV, Fig. 7), Petrus mit dem ganzgleichen Kreuzstab in den Wandmalereien des Chors der Patroclikirche zu Soest und der Kilianskirchezu Lügde (Abbildung bei Aldenkirchen a. a. 0. Taf. Ia und II), woselbst er aber ausserdem auchzwei resp. einen Schlüssel hält, sodass über die Deutung der Figur auf Petrus ein Zweifel nicht ob-walten kann.

3) Lacomblet, Urkundenbuch I, 117. Binterim u. Mooren, Erzdiöcese I. S. 89. Diedrei Thebäer Cassius, Florentius und Mallusius sind die Patrone des Cassius-Stiftes in Bonn und dürfteneine nabeliegende Beziehung der Rheindorfer Kirche zu diesem Stift andeuten, dessen Archidiacon Ger-hard laut Meldung der Weiheinschrift der Consecration der Kirche beiwohnte.

Die Abweichung von der künstlerischen, sonst bis zum XVI. Jahrhun-dert andauernden Ueberlieferung, gemäss welcher von den ältesten Zeiten herbei Darstellung des wiederkehrenden Heilandes zu dessen Rechten Maria, zurLinken Johannes der Täufer angebracht wurde, der nun hier seine Stelle zurRechten erhielt, während Maria wegblieb; weiter die schon gothischenBlattverzierungen am Thronsessel und die eigenthümliche Ornamentirung desgeschlossenen Buches in der Hand des Heilandes, sowie die lilienartige Ver-zierung an dem Kronreif zu dessen Füssen machen es wahrscheinlich, dass trotzder sonst alterthümlichen und schematischen Anordnung und dem Mangel leben-digeren Künstlergefühls, dessen Hervorbringungen wir in der Unterkirche be-wunderten, diese Malereien der Oberkirche zeitlich jünger seien und bereitsdem 13. Jahrhundert sich nähern 1 ).

Taf. XXXIV.

Gemälde auf den seitlichen Wandflächen des Chores,rechts und links vom Altar. Dieser letztere, welcher sich in der mit dem vor-hin besprochenen Bilde gezierten Concha der Oberkirche befindet, ist lautMeldung der mehrerwähnten Steininschrift der Unterkirche durch Bischof Ottovon Freisingen consecrirtzu Ehren der Mutter des Herrn, der Jungfrau Mariaund des Evangelisten Johannes"'. Diese beiden Heiligen haben, allem Herkommenwidersprechend, aus nicht ersichtlichen Gründen eine Stelle zur Seite desthronenden Heilandes nicht gefunden, dagegen hat der Künstler die beiden Seiten-wände des Chorraums benutzt, um auf denselben je eine Scene aus dem Lebender Maria und des Johannes zur Darstellung zu bringen. Auf der Evangelien-seite erblicken wir den ungemein jugendlichen und fast weibischen, keineswegsan den vlog ßgovTfji; (Marc. 3, 17), den üonnersohn, erinnernden EvangelistenJohannes in weissem Gewände, sitzend auf einer Anhöhe der Insel Patmos, wieder Herr ihm, von Flammen umgeben, den Befehl ertheilt, seine Offenba-rungen aufzuschreiben und den Gemeinden in Kleinasien zu senden. AmEnde des Bildes, links vom Beschauer, steht ein mit Schild, Schwert und Lanzegewappneter Soldat, der durch die Ueberschrift PORTARIVS si^h als Wächterdes Gefangenen von Patmos bekundet; die weiteren Buchstaben am entgegen-gesetzten Ende der Bandfläche.....NIS ... A ... V geben zu einem Deu-tungsversuch keinen genügenden Anhalt. Die ganze Darstellung scheint aufeiner uns unbekannten Legende zu beruhen, da die Offenbarung selbst wedervon einer ähnlichen Flammenerscheinung des Herrn berichtet, noch auch denNamen des dem h. Johannes beigegebenen Wächters uns mittheilt.

Die gegenüberstehende Wandfläche der Epistelseite zeigt die auf demunteren Bilde unserer Tafel wiedergegebene Darbringung Jesu im Tempel.Rechts von dem überaus einfachen Altare sehen wir in weisser Tunica undrothem Ueberwurf den greisen Simeon, der vom h. Geiste die Verheissungempfangen, dass er nicht sterben werde, bis er den Gesalbten des Herrn ge-sehen. Dieser selbst, mit dem Kreuznimbus geziert, mit kurzem weissem Hemdeund gelben Strümpfen bekleidet, in einer eher an den zwölfjährigen als an denerst wenige Tage alten Jesus erinnernden Gestalt, wird von Joseph dem er-freuten Simeon hingereicht, während Maria, ohne das von ihr darzubringendeOpfer der Armen, in einem ihre ganze Gestalt verhüllenden blaurothen, mitkleinem Dessin, gelben und weissen Bandverzierungen bedeckten Mantel dasteht,der vielleicht nach Auffassung des Künstlers die symbolische Bedeutung habensollte, dass erst nach Darbringung des Reinigungsopfers (Levitl2, 8) die Wöch-nerin sich wieder in freier Weise dem Verkehr zeigen dürfe. Von der dasBild erklärenden Ueberschrift sind nur noch die Buchstaben R . . . . VMerhalten.

Taf. XXXV.

Das zwischen den eben beschriebenen Seitenwänden befindliche Kreuz-gewölbe des Chors enthält in seinen vierFeldern vier Darstellungen, welche ursprüng-lich ihren Mittelpunkt in einem Medaillon fanden, in das die Spitzen der Gewölbe-felder zusammenlaufen und welches von zwei flott gezeichneten Engeln mit denHänden gleichsam gehalten wird. Die in diesem Medaillon einst befindlich ge-wesene, jetzt erloschene Darstellung w r ird wohl mit Bezug auf Apocal. V, 6 einBild des Lammes mit der Siegesfahne gezeigt haben, ähnlich der Darstellungin dem Tympanon des Südportals der Pfarrkirche zu Andernach 2 ). Diese Ver-muthung liegt um so näher, als die in den vier Gewölbefeldern um das Bilddes Lammes gruppirten Darstellungen uns die nach Aufrichtung des neuen Je-rusalem zur AViedervereinigung Berufenen vorführen, im Anschluss an Matth.XXIV, 30, 31et tunc parebit signum Filii hominis in coelo: et tunc plangentomnes tribus terrae et videbunt Filium hominis venientem in nubibus coeli cumvirtute multa et maiestate. Et mittet angelos suos cum tuba et voce magna etcongregabunt electos eius a quatuor ventis, a summis coelorum usquead terminos eorum. u Weiterhin kommt noch Matth. XXV, 31 ff. in Betracht:

Cum venerit Filius hominis.....congregabuntur ante eum omnes gentes et

separabit eos ab invicem sicut pastor segregat oves ab hoedis......et tunc

dicet rex his qui a dextris sunt: venite benedicti patris mei, possidete paratumvobis regnum a constitutione mundi.' 1 Wie sich der Künstler die einzelnen Gruppendieser Berufenen vor dem Angesicht des Heilandes vertheilt gedacht hat, dasgeht, wie im Folgenden bei Besprechung der einzelnen Gewölbefelder des

1) Man könnte die in gothischer Minuskelschrift zu Häupten der Heiligen im unteren Theileder Chorrundung beigefügten Namen als durchschlagenden Beweis für eine solche spätere Entstehungs-zeit anführen, wenn es nicht möglich und mit Rücksicht auf den strengen Character der übrigen Ma-juskelschriftzüge zugleich auch wahrscheinlich wäre, dass wir in diesen Minuskeln eine spätere Zuthatzu erblicken hätten, die durch solche Beifügung die traditionelle Bezeichnung der hier dargestellten Hei-ligen dauernd fixiren wollte.

2) Abgebildet bei aus'm Weerth, Kunstdenkmäler des christl. Mittelalters Taf. LH, 12.