Druckschrift 
Wandmalereien des christlichen Mittelalters in den Rheinlanden
Entstehung
Seite
11
Einzelbild herunterladen
 

11

L-

>r

ler-ela-

Ltt

US

,r-

ü-

;el-

inddes

tenen Schwerte hat Ezechiel eben den mit der linken Hand bereits aufgefangenenBart abgetrennt. Das lange, noch im Winde flatternde Haar soll andeuten, dassdessen Scheerung noch bevorsteht.

Im nächsten Bilde erscheint der Prophet bartlos und barhäuptig,wiederum innerhalb der Stadt. Er hat dem göttlichen Befehle gemäss die Ab-wägung der Barthaare mit der in der Linken gehaltenen Wage bereits vollführt.Das erste Drittel der Haare, welches er verbrennen soll, flattert noch neben denFlammen zu seiner Rechten.

Das zweite Drittel schauen wir im nächstfolgenden Bilde auf einenStein gelegt. Ezechiel sitzt wiederum unbärtig auf einem Berge innerhalb derStadt, das Schwert emporhaltend, um die abgeschorenen Haare zu zerschlagen.

7.

Der göttlichen Vorschrift für das letzte Drittel seines Haarschnitts ent-spricht der Prophet in zweimaliger Darstellung in der vierten und letzten Ge-wölbekappe des südlichen Kreuzarms.

Links erscheint er mit Haaren in der Linken'), während er solche mitder Rechten schon dem Winde scheint preisgegeben zu haben, der, als mensch-liches Gesicht symbolisirt, aus den Wolken mächtig entgegenbläst. Das Schwert,Avelches der Herr hinter dem zerstreuten Haare (den Juden nämlich) ausziehenwill (V, 2), schwebt in der Luft, damit sich erfülle, was Vers 12 sagt:

Es soll der dritte Theil von Dir an der Pestilenz sterben und durch Hunger zu Grundegehen; und das andere Drittel durch das Schwert fallen, rings um Dich her; und das letzte Drittelwill ich in alle Winde zerstreuen und das Schwert ausziehen hinter ihnen her.

In der rechten Bildhälfte schauen wir den Propheten, wie er einenTheil des abgeschorenen Haares in seinem Mantelzipfel bewahrt 2 ).

Taf. XXII.

Die Folge der biblischen Textesworte führt uns nunmehr zum westlichenKreuzarm, in dessen vier Gewölbefeldern nach der Erzählung des achten Capi-tels uns die Ursache des nahenden Strafgerichts, nämlich die Abgöt-terei der Juden, vorgeführt werden. Ezechiel erzählt seine Vision mit denWorten c. VIII, 1:

„Und es begab sich im sechsten Jahr, am fünften Tage des sechsten Monats, da ich sassin meinem Hause, und die Alten aus Juda sassen vor mir; daselbst fiel die Hand des Herrn auf mich."

8.

Diesen Vorgang sehen wir im achten Bilde. Auf Stühlen sitzen dieAeltesten und mitten unter ihnen der Prophet, der nunmehr nicht bloss wiederbärtig 3 ), sondern auch mit einem Kimbus und gescheiteltem, lang herabwallendemHaupthaar dargestellt ist. Ueber ihm erscheint die Hand Gottes, die ihn dannweiterhin bei den Haaren ergriff und hinwegführte nach Jerusalem.

9.

Die Mauern, Thore und Thürme der heiligen Stadt erblicken wir imnächsten Bilde. Leider ist aber der in der Stadt dargestellt gewesene Vorgangzerstört. Ob es die Ankunft vor dem inneren Tempelthore gegen Mitternachtwar, wo ein Aergerniss erregendes Götzenbild stand (VIII, 3), ob die darauffol-gende Erscheinung Jehovah's in seiner Herrlichkeit (VIII, 4), bleibt unentscheidbar.

10.

Aber im folgenden Bilde wird der Prophet auf weiteres Geheiss desHerrn nun Zeuge des Götzendienstes der Abgefallenen (VIII, 6).

Zur Linken der vor dem Altar aufgerichteten Statue des Bai stehend,sieht er, wie zur anderen Seite Juden aus allen Lebensaltern vor derselbenniederfallen und ihr Thieropfer darreichen.

11.

Xoch Scheusslicheres sollte er erschauen, indem der Herr ihn in dieWand des Vorhofes ein Loch brechen und in denselben hineintreten hiess (V. 8).

Da erblickte er an den Wänden Bilder von Unthieren aller Art und70 Männer aus den Aeltesten Israels, die mit Weihrauch die Scheusale verehr-ten (MII, 7—11). LnserBild vergegenwärtigt diese Gruppe, deren vorderste drei

1) Hohe wie Peiffer, den Zusammenhang dieser Stelle mit dem Bilde nicht erkennend,sahen beide den Gewandzipfel für eine Taube an. Demgemäss ist leider restaurirt.

2) Peiffer, a. a. 0. Nr. 221, hält dieses Haarbündel für ein Stück von dem Brode, dasnach einem verhältnissraässig knappen Gewichte und mit Entbehrung des gewöhnlichen Feuerungs-materials nach Ez. 4, 9—12 gebacken ist. Da aber in den sämmtlichen Kappen des südlichen Kreuz-gewölbes die verschiedenen Momente des Bartschnittes zur Darstellung gebracht sind und der Prophetdas eine Drittel ja nach Ez. 5, 2 im Winde zerstreuen soll, so dürfte unsere Deutung wohl diezutreffende sein.

3) Da in den folgenden Darstellungen Ezechiel noch ohne Bart erscheint, so ist anzunehmen,dass auf diesem Bilde der Bart, ebenso wie der ihm^in keiner anderen Darstellung beigegebene Nimbus,die bedauerliche Zuthat einer irrigen Restauration ist.

Personen mit schwingenden Weihrauchfässern die vor ihnen befindlichen Frösche,Schlangen, Eidechsen und Molche adoriren. Der Prophet, noch unbärtig, ist miteiner grossen Spitzhacke beschäftigt, dem Befehle gemäss durch die Mauer desVorhofs das Loch zu brechen 1 ).

Taf. XXIII.

In den vier Feldern des nördlichen Gewölbes führt uns darauf derKünstler das grosse Strafgericht vor, das auf die Abgötterei folgt. ImCap. IX, 1, 2 ruft der Herr mit lauter Stimme:

„Es ist nahe gekommen die Heimsuchung der Stadt und ein Jeder habe ein mörderlichWaffen in seiner Hand. Und siehe es kamen sechs Männer vom Oberthor her, das gegen Mitternachtsteht, und ein jeder hatte ein schädlich Waffen in der Hand. Aber es war einer unter ihnen, derhatte Leinwand an und ein Schreibzeug an seiner Seite. Und sie gingen hiuein und traten nebeu denehernen Altar."

Wie auf dem trennenden Bande zwischen dem südlichen Gewölbe unddem darunter befindlichen Wandbild der Verklärung sich die aus der entspre-chenden Bibelstelle gebildete Erklärung in leoninischen Hexametern befand, sowar auch hier über dem Bilde der Kreuzigung in der Wölbung der nördlichenConcha auf einem gleichen, weissen Bande eine Erklärung angebracht, von derleider nur der Wortrest . . NIGR . . erhalten ist.

12.

Das erste Bild des nördlichen Gewölbes zeigt uns die Darstellung derBerufung der sechs Bewaffneten, die im Vorhofe des Tempels um denehernen Altar sich schaaren. Auf diesem steht der gesandte Gottesbote, derin Leinwand gekleidet ist 2 ), welche hier und in den drei folgenden Bildern, imGegensatz zum bläulich-weissen Gewände des Propheten, stets eine röthlicheFarbe zeigt. Der Künstler hat für seine Darstellung den Moment gewählt, woder Gottesbote den ihn kampfbereit umstehenden Bewaffneten die Weisung zurVollstreckung des göttlichen Strafgerichts ertheilt.

13.

Im nächstfolgenden Bilde sehen wir den Propheten beschäftigt, an dieStirn der Gerechten das signum thau anzumalen, an welchem sie behufs ihrerVerschonung von den Rächern erkannt werden sollen. In der Weise derältesten Schreibzeuge führt der Gesandte Jehovah's in der Linken ein Hörn,aus welchem er die Flüssigkeit nimmt, um die Stirn der ihm anbetend nahen-den Auserwählten mit dem rettenden Zeichen zu versehen.

Dass die rechte Hand des Engels sich eines Stäbchens zur Aufmalungdes Rettungszeichens bediene, ist nicht ersichtlich, jedoch wahrscheinlich.

14.

Nachdem die Rettung geschehen, vollzieht sich im folgenden Bildedurch die sechs Bewaffneten das allgemeine Erwürgen und Morden, demwiederum an erhöhter Stelle der Gottesbote beiwohnt (IX, 6—8). Fast hat esden Anschein, als ob er, ein Rufer in der Schlacht, die Krieger zu immergrösserem Eifer ansporne. In lebhaft bewegten Gruppen dringen diese auf diegötzendienerischen Juden ein, mit ihren hochgeschwungenen Aexten und kräf-tigen Schwerthieben Alles niedermetzelnd, was ihnen bei Ausführung ihres Rächer-amtes entgegentritt.

15.

Im Schlussbilde begegnen wir dem durch sein röthliches, über den Kopfgezogenes Gewand kenntlichen Boten des Herrn 9 ) und dem weissgekleideten,nunmehr wiederum bärtigen Propheten und zwar vor dem oberwärts zwischenihnen erscheinenden Jehovah, der hier — ganz im Typus des mit dem Kreuznimbusgezierten Heilandes — in einer Glorie erscheint. Wir haben uns den hier geschil-derten Vorgang als auf derselben Schwelle des südlichen Tempelthores (Cap. 8,V. 3—4) sich vollziehend zu denken, von wo aus der Prophet all das Missge-schick über Jerusalem kommen sah. Hier hielt der Gottesbote dem Herrn nachvollzogenem Strafgericht ein Spruchband entgegen, welches gewiss die Worteverkündete: „Feci, sicut praeeepisti mihi, Herr ich habe gethan, wie du mirgeboten hast" (Cap. 9, V. 11). Der Prophet aber hat sich voll Mitleids mit sei-nem Volke vor dem Herrn auf sein Angesicht niedergeworfen und ist in dieauf seinem Schriftbande ehemals gewiss befindlich gewesenen Worte ausgebrochen(Cap. 9, V. 8) : „Heu, Domine Deus, ergone disperdes omnes reliquias Israel,effundens furorem tuum super Jerusalem? Ach Herr, willst du denn das ganzeA T olk Israel vertilgen, indem du deinen Zorn über Jerusalem ergiessest?'" 4 ).

Taf. XXIV und XXV.

Nachdem der erste grosse Abschnitt des Cyclus, das Straf-gericht geschlossen, sehen wir dessen zweiten Abschnitt, den Aufbau des

1) In einer der Hohe'schen Zeichnungen befindet sich zwischem dem Kopf des Prophetenund der Mauer ein unleserlicher Inschriftrest. Auf dem restaurirten Bilde ist davon nichts mehr sichtbar.

2) Im Bilde ist das Schreibzeug, welches er nach der Textstelle an seiner Seite haben soll,nicht sichtbar.

3) Gemäss der Darstellung in Feld 12 scheint der Gottesbote vom Künstler einen Barterhalten zu haben, der hier und auf den übrigen Darstellungen desselben nicht ersichtlich ist.

4) Dass die erloschenen Spruchbänder nur diese Bibelstellen enthalten haben, ergibt derZusammenhang. Auch Peiffer (Bonner Zeitung, 1863, Nr. 239) entscheidet sich dafür.

«