C. Kirchliche und religiöse Dichtung 853
hl. Martin als Vorbild hinstellt. Darauf eifert er gegen den Luxus der Äbteund gegen ihre Völlerei. Das sei ein großer Abstand gegen den hl. Benedikt,den Stifter des Ordens. Auch die Priester seien zu tadeln, die nur gegen Geldgeistliche Handlungen vornähmen und oft verheiratet seien oder sichmit den Frauen der Laien zu schaffen machten. Nachdem sich der Dichterdann gegen die unkeuschen Äbtissinnen, denen die hl. Glodesindis kein Vor-bild sei, gewendet hat, kehrt er zu seinen eignen Verhältnissen zurück undbeklagt, daß er unausgesetzt zwischen Tugend und Laster hin und herirre.Unruhig fragt er, was er tun solle, und vergegenwärtigt sich dann die Höllen-strafen. Er zeigt dann deutlich, daß er von der Philosophie nicht unberührtgeblieben ist, denn er wendet sich an die Welt mit der Frage, warum sie mitso viel Reichtum den Menschen locke. Er selbst stehe höher als die Welt,gegen die er nun so scharf auftritt, daß diese ihm antwortet, sie sei nichtunrein, er nur habe sie so genannt; er brauche ja nicht ihren ganzen Reich-tum erfassen zu wollen, aber wenn dieser zugedeckt und verhüllt werde, dannkomme der Mensch und bringe ihn ans Licht. Also er sei zu tadeln und nichtsie. Da muß der Dichter eingestehen, daß die Welt recht habe und daßes nur sein eigner Sinn sei, der ihn zum Unrecht verleite. Damit er sich aberdavon befreie, müsse ihm Christus helfen. Mit kurzer Doxologie schließtdas Gedicht, das den Dichter als eine tiefer angelegte Natur verrät, die derSache mehr auf den Grund geht.
Das ganze Gedicht besteht aus Hexametern, die durch zweisilbigen End-reim gebunden sind und mit denen der Gedanke fast regelmäßig schließt. 1Dadurch erhält es eine spruchartige Form. Der hier gegebene Reim warwohl die Vorstufe für die Trinini salientes; an zwei Stellen (239 f. 363 f.) siehtman auch ein weiteres Vorrücken des Reims nach dieser Richtung hin,und einmal begegnet jener gekünstelte Reim auch wirklich (241 f.). Viel-leicht ist das Gedicht daher um das Jahr 1100 anzusetzen, und zwarwird es wegen Erwähnung der hl. Glodesindis in Metz entstanden sein,wie Wattenbach mutmaßte. 2 Anlehnung an frühere Dichter zeigt sichnirgends und nur Boethius wird erwähnt.
Zeugnisse. Zum Luxus der Äbte Vs. 151 Pro Septem marcis nequit abbas unus habere,Quod sibi sufficiat. Zu Glodesindis 229 Sic non vivebat Glodesindis virgo pudica. Zu den Höl-lenstrafen 323 Quid plus ? Nemo valet lormenta referre furoris. Zum Streit wider die Welt335 Irrationalis tua si natura creatur, Cur rationalis per te natura novatur ? . . . Dignior estmea forma tua . . . Semper eris sub me. Antworten der Welt 349 Nunc, homo, sufficiuntcowicia, queso, sileto . . . Immundus non sum. Zu Boethius 291 Vestis membra tegit, nee obhanc scabiem caro linquit, Nee laudantur ob hanc, velut ipse Boetius inquit. 3 Persönliche An-spielungen fehlen, vielleicht aber steckt eine in Vs. 123 Latos pontifices per castra levi pale-frido Infestos reddit cumulandi plura cupido. Seltsam ist die Häufung der Versanfänge 251—263 und 265—267.
Ueberlieferung im Meerm. 471 (Phillipp. 1694) s. XII p. 245 und im Remensis civ.«43. 743 s.XIII f. 173b. Ausgabe von W. Wattenbach, Neues Archiv 17, 363—372.
14. HILDEBERT VON LE MANS
Wohl im Jahre 1056 wurde Hildebert zu Lavardin im Gebiet von Ven-döme geboren. Aus seiner Jugend ist nichts Näheres bekannt und wir wissen
* Ausnahmen Vs. 107—116. 193—196. Vs. 1 an Fingere qui quondam nugarum
2 Neues Archiv 17, 363. scripta solebam.
3 An Boeth. cons. phil. 1 metr. 1, 1 klingt