Die Sitte. — Praktischer Zweck. 261
zurückführen. Die Seltenheit T der Fehltritte bei Mädchender höheren Stände kommt keineswegs bloss auf Rechnungder grösseren sittlichen Widerstandskraft, sondern wesent-lich mit auf Rechnung der Sitte, welche ihre schirmendeHand über sie ausbreitet, ihr die Gefahren, Verlockungenfern hält, die jenen drohen, und wenn wir gerecht seinwollen, müssen wir sagen: der Schutz und der Mangelder schirmenden Sitte bilden einen wesentlichen Factorzur Erklärung des so äusserst verschiedenen Procentsatzesder Verirrungen der Mädchen der-, höheren und der nie-deren Stände — eine Behauptung, für welche die untenfolgende Darstellung uns noch ein weiteres Argumentgeben wird.
Ein Seitenstück zu dieser unserer Sitte gewährt derSchleier der Orientalin. Die Sitte des Orients gebietet deranständigen Frau öffentlich nicht ohne Schleier zu erschei-nen: eine Frau, die dies wagen würde, hätte sich dadurchallein schon den Anspruch auf jene Bezeichnung aberkannt.Der ästhetische Gesichtspunkt schliesst sich hier von selbstaus, der Schleier dient hier sowenig der Schönheit, dasser gerade die Bestimmung hat, die Schönheit des Weibesden Blicken der Welt zu entziehen. Der Schleier ist sozu sagen der Verschluss des Harems in portativer Gestalt,er verfolgt denselben Zweck wie jener: das Weib vor derMännerwelt abzusperren. Nach der Auffassung des Orien-talen hängt an der Bewahrung des Schleiers die Sittlich-keit, Keuschheit, Tugend der Frau, die Lüftung desselben