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Gedaechtnisrede auf Leopold von Ranke
Entstehung
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Gedä'chtnifsrede auf Leopold von Ranke. 13

Ranke sprach völlig frei, hatte aber vorher den Gegenstand in jederBeziehung auf das Gründlichste schriftlich durchgearbeitet und sich da-mit die volle Beherrschung desselben für die mündliche Neugestaltunggesichert. Er wünschte dabei, seinen Zuhörern neben dem Bilde der Er-eignisse auch einen Einblick in die Mittel zu ihrer Erkenntnifs zu gewäh-ren; so liefs er es an Quellenbelegen und kritischen Bemerkungen nichtfehlen. Jedoch hielt er hierin ein sehr bestimmtes Mafs inne; die Vor-lesungen waren und blieben ihm in erster Linie die Quelle allgemeinerBildung für die gesammte Jugend, die Verkündung des geistigen Gehaltsin der Verkettung der menschlichen Schicksale. So war ihm auch das mo-derne Specialisiren der Vorlesungen fremd; er umfafste in jedem Halbjahrein grofses Gebiet der Weltgeschichte oder etwa 15 Jahrhunderte des deut-schen Volkslebens, wohl wissend, dafs nur bei weiterem Überblick frucht-bare Ergebnisse möglich sind. Für die Ausbildung derer, welche sichberufsmäfsig der Geschichtschreibung widmen wollten, richtete er beson-dere historische Übungen ein, wo unter seiner sichern Leitung der Schü-ler ohne vieles Theoretisiren die kritische Methode durch eigene Arbeiterlernte. Er verstattete ihm dafür freie Wahl des Arbeitsthemas, waraber stets bereit, aus seinem unabsehbaren Wissensstoff lehrreiche Pro-bleme zur Vorlage zu bringen. Fehler gegen die kritischen Gesetze er-fuhren in freundlicher Form eine unbarmherzige Beurtheilung. Im Übri-gen liefs Ranke jedes Talent in seiner individuellen Bewegung gewähren,eingedenk der höchsten pädagogischen Regel, dafs die Schule nicht dieAbrichtung, sondern die Entfaltung der persönlichen Kräfte zur Aufgabehat. Dafs in diesen Übungen die kritische Quellenforschung die Haupt-sache war, versteht sich; aber auch hier nahm in jedem Semester Rankedie Gelegenheit wahr, uns auf die hohen Ziele der Geschichte im Sinneseiner Rede von 1839 hinzuweisen, und uns daran zu erinnern, dafs diekritische Methode nicht der Selbstzweck der Wissenschaft, sondern nurein Mittel zum höheren Zwecke ist. Noch heute lebt mir nach fünfzigJahren im Gedächtnifs, wie er in einer Stunde sein Verhältnifs zu He-gel's Philosophie der Geschichte eingehend beleuchtete, in einer anderndie künstlerische Darstellung der Ermordung der Agrippina bei Tacitusund Seneca geistreich in Vergleichung setzte. Mit einem Worte, er wollte,dafs seine Schüler ihre wissenschaftlichen Gebäude niemals ohne festes Fun-