TAFEL LXIX.
GEORG WICKRAMS ABSCHRIFTEN HANS SACHS'SCHERMEISTERLIEDER
Cgm. 4998 ist eine Frucht der verdienstvollen Beschäftigung GeorgWickrams mit dem Meistergesang. Nachdem er 1546 die jetzt als,Kolmarer Lieder-Handschrift' bekannte Sammlung von Meisterliedern(Cgm. 4997) erworben hatte, bekam er im Jahre 1549 Gelegenheit, eineder Singschule zu Freiburg i. Br. gehörige, eigenhändige NiederschriftHans Sachsens von 48 seiner Meisterlieder, meist geistlichen Inhaltsaus den Jahren 1516—1531, für die von ihm begründete Kolmarer Sing-schule abzuschreiben. Diese Arbeit beschäftigte ihn vom 3.—29. Augustund konnte nur unter Zuhilfenahme der Feiertage und der Nächtedurchgeführt werden. Er berichtet darüber selbst im Titel auf Blatt 1 *und in der Stelle, die die Mitte der folgenden Tafel einnimmt. VonBlatt 53 r bis zum Schluß der 79 Blätter umfassenden Handschrift hatGeorg Wickram noch weitere Meisterlieder von Hans Sachs und vonandern Dichtern eingetragen, so daß sie im ganzen 66 Lieder enthält.Im Oktober 1857 erwarb die Bayerische Staatsbibliothek die KolmarerLiederhandschrift vom Buchhändler H. Georg in Basel um 4000 Fr.Als Zugabe zu diesem Kauf erhielt sie mit andern auch diese Hand-
schrift. Der Meistergesang, dessen Schluß die folgende Tafel bringt,ist ,Der schöne Trawm' des Hans Sachs, nach unserer Handschriftvon 1530, gedichtet in Regenbogens ,Über!angem Ton' (Blatt 51 r ).Das beginnende, auf Blatt 54 r endende Gedicht ist nach einer Be-merkung am Schluß von Raphael Düller. Auf die Handschrift wurdezuerst aufmerksam gemacht durch Billing zu Kolmar im Jahre 1789.Vgl. Billing im Museum für Altdeutsche Literatur und Kunst, heraus-gegeben von Friedrich Heinrich von der Hagen. II 1811, S. 184f. —Meisterlieder der Kolmarer Handschrift, herausgegeben von Karl Bartsch(= Bibliothek des Literarischen Vereins in Stuttgart. LXVIII). 1862,S. 3. — Georg Wickrams Werke, herausgegeben von Johannes Bolte.II (= Bibliothek des Literarischen Vereins jn Stuttgart. CCXXIII). 1901.S. XXXIX f., XLVII. — Theodor Hampe, Über Hans Sachsens Traum-gedichte, in der Zeitschrift für den deutschen Unterricht. X 1896,S. 621 ff. — Hans Sachs, herausgegeben von Adalbert von Keller undEdmund Goetze. XXV (= Bibliothek des Literarischen Vereins inStuttgartt. CCXXV). 1902, S.35, Nr. 323.
Ausgebildete Kursive von der Mitte des XVI. Jahrhunderts, die in ihrenFormen der späteren deutschen Schreibschrift stark angenähert ist; vgl. Tafel LX VI.Der kursive Charakter kommt zum Ausdruck einmal in den sehr zahlreichenSchleifen, einem der wesentlichen Züge im Schriftbild (b, d: Z. 4; f: Z. 1;g:Z. 5; h: Z. 1; k: Z. 8; 1: Z. 2; p: Z. 6; s.Z. 9; v: Z. 4; w: Z. 15); dann inder diagonalen Verbindung der Grundstriche von i, m, n, u, die vielfachzu kleinen Bogenreihen werden (Z. 2. 3. 4); endlich in den Buchstaben-verbindungen, bei denen neben der alten ft (Z. 3) die jüngeren ch (Z. 2),dt (Z. 34), ff (Z. 7), ft (Z. 21), fa (Z. 42), fch (Z. 1), fi (Z. 1), ß (Z. 2) treten. DieseMittel, das Schreiben flüssig zu machen, nützt der Schreiber in weitgehen-dem Maß: die einzelnen Wörter sind fast ohne Ausnahme in einem Zugegeschrieben. Bei der geringen Höhe der zwischen den zwei mittleren Zeilenstehenden Buchstaben sind die kräftig ausgebildeten Ober- und Unterlängenmit bestimmend für das Schriftbild; im Verein mit den zahlreichen Schleifengeben sie ihm etwas Unruhiges.
Das a besteht aus einer kleinen geschlossenen Ellipse und einem schrägnach rechts unten gezogenen Grundstrich. Die beiden Rundungen des bsind geschlossen. Nicht so bei d, dessen untere Hälfte nicht selten offen ist(Z. 5 gegen Z. 15). Nur Z. 29 begegnet vereinzelt in einem lateinischenWort die alte gerade Form des d. Das e ähnelt der früheren Form-gestaltung, nur wird, wie dies das ausnahmsweise offene gebliebeneerste e in Z. 18 zeigt, die Schleife im umgekehrten Sinn gezogen. Das gwird ohne Absetzen in einem Zug geschrieben; vgl. das gleichfalls offeneg in Z. 15. Beim h ist nicht selten auch der untere Teil geschlossen (Z. 19gegen Z. 11), doch wird dieser Aufstrich nur bei h vor t zur Verbindungmit dem folgenden Buchstaben benutzt (Z. 24). Das i hat fast stets einen Punkt,der nicht selten etwas nach rechts gesetzt ist (Z. 8). Das k zeigt eine ziem-lich verzwickte Linienführung, durch die Schaft und früherer Doppelhakenzugleich entstehen (Z. 8). Beim p entsteht der obere jetzt geschlossene Teilvor dem Schaft (Z. 15). Das r ist durch Einfügung eines Zwischenstricheszwischen Grundstrich und Fahne auseinandergezogen (Z. 1). Die Fahnekommt manchmal in Wegfall und es entstehen Formen, die man als solche desrunden i ansprechen muß, wenn auch die sichere Scheidung mitunter nichtmöglich erscheint (Z. 1. 4. 6. 7. 8. 9. 10. 16 u. s. f.; vgl. Tafel LXV B).Das lange f und das runde s werden wie üblich verwendet. Letzteres hatschon ganz die heutige Form (Z. 9). Zu Anfang der Wörter steht v, im
Wortinnern u, manchmal durch w ersetzt (Z. 14). Bei v und w wird dieSchleife, entgegen dem früheren Vorgehen, in umgekehrter Richtung geschrieben.Das z hat auch Oberlänge (Z. 15); in der Verbindung ß, bei der es seineForm stark vereinfacht und seine Schleife verloren hat, geht es mitunter fastbis in die übernächste Zeile (Z. 35). Bei den Großbuchstaben bilden sichallmählich die Formen der Fraktur heraus, freilich hier noch mit starken, dieklare Leserlichkeit erheblich beeinträchtigenden Schnörkeln belastet, die dieDruckschrift unterdrückt hat. Teils sind es im wesentlichen noch die altenAntiqua-Buchstaben, wie bei B (Z. 41), L (Z. 29), O (Z. 40), R (Z. 3), T(Z. 16), teils sind es, wie D (Z. 1), H (Z. 26), J (Z. 18), K (Z. 17. 37), M (Z. 14),V (Z. 3), W (Z. 11), Y (Z. 42), Z (Z. 29), vergrößerte Kleinbuchstaben, teilsendlich sind es Weiterbildungen der viel einfacheren Grundformen, wie beiA (Z. 15), E (Z. 5), F (Z. 17 gegen Z. 23), G (Z. 2), S (Z. 12), V (Z. 37).
Die rotgeschriebenen Initialen in Z. 19. 32. 39 zeigen die ausgesprocheneVorliebe des Schreibers für Künsteleien, die Neigung, die Formen ohne Rück-sicht auf die Deutlichkeit aufzulösen und durch Anbringung unorganischerSchnörkel auszugestalten. Den gleichfalls roten Überschriften in Z. 30. 31. 38ist durch Größe und aufrechte Stellung der Buchstaben und teilweise Brechungder Grundstriche mehr das Gepräge der Buchschrift gegeben, ohne daßdabei kursive Elemente, wie Schleifen (A, b, g, h, I, v), Zusammenschreibungen(ch, St) und diagonale Verbindungen (m, n), ausgeschaltet wären.
Willkürliche Verdoppelungen sind nicht selten; sie begegnen als ff (Z. 7),mm (Z. 33), nn (Z. 2), e tt (Z. 32). Überschreibungen spielen keine großeRolle; es kommt vor 6, u (Z. 40), ü (Z. 8. 11. 12. 21. 22. 39. 41). In densonstigen Fällen wie ü (Z. 8) und u mit Häubchen (Z. 3) ist das Bewußt-sein der Buchstabenüberschreibung wohl sicher nicht mehr vorhanden. Dieeinzige Kürzung, ein wagrechter Strich für zu ergänzendes n, findet sichZ. 8. Satzzeichen kommen nicht vor außer ein schräger Strich Z. 21. Inallen anderen Fällen wie Z. 1 handelt es sich um ein Abteilen aus metrischenGründen. Nur in der zweiten Überschrift sind zwei Punkte zum Abseits-setzen der beiden Anfangsbuchstaben des Dichternamens verwendet.
Die beiden, als Rahmung mit gelber Tinte gezogenen kräftigen Längs-linien sind mit Rücksicht auf die Besonderheit des Eintrags Z. 21—31 wohlmit Bewußtsein nicht eingehalten worden.
Wie die in das rechte obere Eck gesetzte Zahl angibt, ist die abgebildeteSeite BI. 53 v . Die zuvorgeschriebene rote Zahl 54 ist getilgt.