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5 (1930) Deutsche Schrifttafeln aus Papierhandschriften des XIV. bis XVI. Jahrhunderts : mit einem Anh.: Gesamtverzeichnis für Bd. 1 - 5
Entstehung
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TAFEL LXVIII.

B. HANS SACHS

Cod. germ. 6252 ist ein Päckchen von 27 verschiedenen Blättern,Doppelblättern und Blätterlagen, die, von verschiedenen Händen desXVI. und XVII. Jahrhunderts geschrieben, Meistergesänge verschiedenerMeistersänger wie Daniel Holzmann, Benedikt von Watt, Lienhart Ferber,Martin Dürr u. a. m. enthalten, meist mit Angabe des Tones und desDatums der Dichtung, aber nicht immer auch des Verfassers. DerCodex gehört zu einer Gruppe von Meistersinger-Handschriften, diefrüher in der ungarischen Landesbibliothek (Nationalmuseum) in Pestlag und in dem Elenchus Manuscriptorum Nicolai Sen. Jankowich vonGustav Hänel zusammenfassend verzeichnet war als ,Der NürnbergerGedichte aus dem XVI. Jahrhundert. Est Collectio volantium Foliorumin Octavo. Scriptura synchrona, necdum ligata' und ,Lieder Sammlungalter Deutscher Gedichte, Volcklieder und Gesänge. Schaedae Synchronae,potissimum Autographae in quarto, necdum in unum ligatae'. AugustHartmann, dem die erste nähere Kunde von diesen so weit von ihremUrsprungsort verschlagenen Liederhandschriften zu verdanken ist,schildert ihre äußere Form, die auch heute noch im wesentlichen un-verändert und nur durch saubere Pappumschläge besser geschützt ist,folgendermaßen: ,Sie bestehen aus vielen kleinen Papierheften undzusammengefalteten losen Blättern, aus denen nach dem Format undnach Jahrhunderten eine Anzahl von Packeten sortiert und als solchemit Codices-Nummern versehen wurden. Doch ist die Aussonderungnach Jahrhunderten [wie nach dem Format] nur eine beiläufige ....Manche Lieder sind augenscheinlich Autographe der Verfasser, andereabgeschrieben, was öfter ausdrücklich gesagt ist. Im ganzen herrschtsehr große Abwechslung der Schriftzüge und man hat offenbar teilsein Stück Archiv der Schule selbst, teils die Privatsammlungen einzelnerMeistersinger vor sich'. Es ist sehr wahrscheinlich da es vonmehreren verwandten Handschriften einwandfrei nachzuweisen ist;vgl. Tafel LXX, daß diese mangelhaft geordneten Sammlungen ausder Bibliothek des Nürnberger Patriziers Wilhelm Ebner von Eschen-bach (16731752) stammen, bei deren Auflösung in den Jahren18131820 sie der vielseitige ungarische Altertumsforscher NikolausJankovich von Jeszenicze (17731846) erwarb. Dessen Sammlungenwurden im Jahre 1836 für die ungarische Landesbibliothek (National-museum) in Budapest gekauft. Teile davon, darunter die vorliegendeHandschrift, mußten 1895 den Erwerb des in München befind-lichen Hunyadi-Archives durch den ungarischen Staat im Austauschermöglichen, und so gelangte mit anderen die vorliegende Meister-liedersammlung im Jahre 1898 in die Bayerische Staatsbibliothek.

Die Schrift des Hans Sachs ist eine ausgebildete, flüssige Kursive, dieden Charakter des Schreibers anmutend ausprägt: ohne Hast und mit einergewissen Bedächtigkeit ist sie in ruhigem, gleichmässigem Zuge ohne klein-liche Ausbildung der einzelnen Formen sichtlich mühelos aus der Federgeflossen, wie es bei dem schreibseligen Meister zu erwarten ist Die lang-jährige Übung gibt ungezwungen nicht nur der Raumeinteilung, dem Ab-setzen von Versen, Stollen und Abgesang samt Datierung eine selbstverständlicheSicherheit, sondern verleiht auch dem Schreiber in der Buchstabenverbindungund im Wortabschluß eine Gewandtheit, die in den Formen behaglich undfrei wechselnd das Schriftbild belebt und geradezu die Freude des Meister-singers an seinem Feierwerke verrät. Man beachte, wie das n am Wortendebald in der schon früher häufigen Weise (vgl. Tafel LIII) nach unten ver-längert und nach innen links umgebogen ist (Z. 2), bald mit kräftigemSchwung mehr nach rechts weit unter die Zeile gezogen ist (Z. 6). In gleicherWeise wird der für n stehende abwärtsgerichtete, kräftige Schnörkel behandelt(Z. 3.12; vgl. Tafel LXVI). Diese letztere Durchbrechung der vorherrschendenRichtung der Buchstaben liebt Hans Sachs auch beim ch am Wortende(Z. 2 gegen 3), und auch in der Verwendung des großen E am Wortanfang(Z. 16) kommt sie zur Geltung. Keineswegs aber wird sie zur festen Regel,wie er eben überhaupt gerne verschiedene Formen nebeneinander für den-selben Buchstaben gebraucht. Eigentümlich ist seine Vorliebe für rundes sam Wortanfang, wobei es zwar nicht ausgeprägte Ober- oder Unterlängegewinnt, aber doch über die mittlere Größe der Buchstaben hinauswächstund deutlich die Entwicklung zum großen S der späteren deutschenKursive vorzeichnet (Z. 1); daneben aber bleibt doch auch das lange f nichtnur im Wortinnern in seinem Rechte (Z. 2), sondern auch gelegentlich im Wort-anfang in der Buchstabenverbindung Ich (Z. 7) und ftr (Z. 13) neben str (Z. 7).Man sieht, die alten Ligaturen behaupten sich noch teilweise, beginnen aberneuen Formen zu weichen. Die kursive Schleifenbildung ist in den Ober-

Daß sich eine Handschrift von Hans Sachs dabei befand, war bis-her nicht erkannt worden. Das von Gabriel Mätray bearbeitete PesterHandschrifteninventarium verzeichnete den jetzigen Cod. germ. 6252als ,Cod. germ. in-4° 327 Sammlung alter deutscher Gedichte, Volks-lieder und Gesänge. Ms. sec. XVI, pagg. 110 [richtiger 118, wo-von aber neun unbeschrieben sind]. (Nie. Jankowich!) In ordinemredigenda'. Eine neue Anordnung hat sie seitdem nicht erhalten undso liegt voran als erstes Stück ein stark vergilbtes, stockfleckigesDoppelblatt in Quart mit dem Meistergesang ,in dem süefen thonharders Die gaiftlich riterfchaft' in drei Strophen, deren jede eine Seiteeinnimmt, mit der Datierung vom 13. Juli 1553. Hartmann führt dasGedicht hiernach unter den ,Meisterliedern ohne genannten Verfasser 4an mit dem Zusatz ,altertümliche Schrift'. Seitdem aber das voll-ständige chronologische Verzeichnis der Gedichte des Hans Sachs vonEdmund Goetze vorliegt, war es leicht festzustellen, daß die ,GeistlichRitterschaft' in dem XIII. Meistergesangbuch in Zwickau und Nürn-berg (MG XIII, Bl. 263264) und in den Dresdener Handschriften(M X, Bl. 185 und M XII, Bl. 187) als unzweifelhaftes Werk HansSachsens selbst überliefert ist. Daß die vorliegende Niederschrift auchvon seiner Hand herrührt, ergibt eine genaue Schriftvergleichung. Eskann daran nicht irremachen, daß wir nun von demselben Gedichtemehrere Niederschriften des Dichters selbst vor uns haben. Das istbei vielen Gedichten von Hans Sachs der Fall, da ja nach den Satzungender Singschule die Meisterlieder nicht durch den Druck vervielfältigtwerden durften und Hans Sachs gerne Abschriften für Freunde an-fertigte. Man vergleiche beispielsweise das Meisterliederbuch des BarthelWeber in Nürnberg, das Mummenhoff als vollständig eigenhändigesWerk des Hans Sachs nachgewiesen hat. Wir finden hier ganz die-selben Schreibgewohnheiten, auch in der Anordnung von Überschriftund Datierung. Von den Eigenheiten der Schriftzüge selbst wird imFolgenden zu reden sein.

Vgl. Gustav Hänel, Ungedruckte Handschriften-Kataloge. I. ElenchusManuscriptorum Nicolai Sen. Jankowich, in den Neuen Jahrbüchern fürPhilologie und Paedagogik. V. Supplement-Band, 4. Heft (= Archiv fürPhilologie und Paedagogik. V 1). 1839, S.623. 637. August Hartmann,Deutsche Meisterlieder-Handschriften in Ungarn. 1894, S. 27. 63. Ernst Mummenhoff, Das Hans Sachsfest in Nürnberg am 4. und5. November 1894. 1899, S. 130f. 160. Hans Sachs, herausgegebenvon Adalbert von Keller und Edmund Goetze. XXV (= Bibliothek desLitterarischen Vereins in Stuttgart. CCXXV). 1902, S. 426, Nr. 4144.

längen von b, d, h, k und 1 vollkommen durchgedrungen (Z. 9. 1.3. 14. 2),erstreckt sich aber neben g (Z. 1) auch auf die Unterlängen von h und z (Z. 2.1),wenn nicht am Wortende das ch in der oben erwähnten Weise mit einemSchwung rechts abgebogen wird. Dagegen laufen die Unterlängen des ganzglatten f (Z. 1), des p (Z. 6), f und y (Z. 2) mehr oder weniger spitz zu, nurgelegentlich mit einem kleinen Aufstrich nach rechts (Z. 1. 2), der sichtlichnur ein unbeabsichtigtes Ergebnis der Flüssigkeit des Schreibens ist. DieOberlänge des t ist fast ganz verlorengegangen, sein Querbalken ist seltennoch einmal klar angesetzt (Z. 14), öfters vielmehr nur als kleine zusammen-geflossene Schlinge von unten her durch den Grundstrich in einem Zugehindurchgezogen (Z. 1); vielfach wirkt das t nur wie ein einfacher Grund- undAufstrich (Z. 4), ähnlich wie das r (Z. 11), dessen Fahne völlig verkümmertist. Auch die Formen des g und z (Z. 1), des v und e (Z. 1), des e und o(Z. 4) nähern sich oft einander, wie anderseits das e die verschiedensten Ab-stufungen der zwischen dem kleinen e und dem kleinen v der späteren deutschenKursive liegenden Formen aufweist. Über dem i ist der Punkt kaum jemalsvergessen, dagegen wird der U-Haken unregelmäßig gesetzt (Z. 2. 3). AmWortanfang und am Wortende ist v als Vokal gesetzt (Z. 2. 1), im Wort-innern u (Z. 2); y findet in ey (Z. 2), j für i (Z. 19) am Wortschluß Ver-wendung. Majuskeln gebraucht Hans Sachs gerne, aber nicht regelmäßigam Versanfang; sie sind alle mit freiem Schwung, aber ohne viel Verzierungunmittelbar aus der Minuskel hervorgegangen (D, E, W, V, S, I, C) und ver-binden sich meist zwanglos wie diese mit dem folgenden Buchstaben. Dochbesteht auch hierbei keine volle Gleichmäßigkeit, wie ja auch sonst seineFeder in dem gut verbundenen Fluß eines Wortes manchmal ab- und neuangesetzt hat (Z. 2), ohne daß ein zwingender Grund vorläge. Kürzungs-zeichen außer den oben erwähnten werden nicht verwendet; nur ein Schnörkelersetzt in dem Worte salut/s die letzten zwei Buchstaben. Satzzeichen fehlenganz; doch schließen kleine Zierstriche die Absätze ab.

Uta