TAFEL LXVIII.
NÜRNBERGER MEISTERSÄNGER
A. HANSFOLZ
Cod. germ. 6353 ist ein wohlerhaltener Quartband in braunem Leder-einband auf Holzdeckeln, der 48 Meisterlieder, ein Tischgebet und einenNeujahrsgruß des Nürnberger Barbiers und Meistersängers Hans Folzaus Worms großenteils in des Dichters eigener Reinschrift enthält.Ursprünglich war eine ganze Reihe der Blätterlagen als Sonderheftchenangelegt und ungebunden aufbewahrt worden, bevor alle zusammen-gefaßt und in ihre jetzige, teilweise unrichtige Ordnung gebracht wurden.Blatt 125—132 fehlt. Die Inhaltsübersicht wie Blatt 133 bis Blatt 168,Titel und Schlußschrift ist nicht von Folz selbst geschrieben; doch hater auch in diesem Teil wiederholt noch seine Namensunterschrift ein-gefügt. Aus der Vorbemerkung (Blatt F) ergibt sich, daß die Hand-schrift ein vielbenutzter Lieblingsbesitz des Jakob Bernhaubt Schwentterdes Älteren, gewesen ist, der ,vor vil Iarenn fein vbrige Zeitt. . . Inndifem büchlein ringend vnnd lefenndt. .. vertriben' und sogar selbstin der Singschule ein Lied des Hans Folz ,vmb ein klainoth' vorge-tragen, nachdem er es zu diesem Zwecke gegen Bezahlung erworbenhatte. Da dies von dem letzten Gedichte des Bandes als im Jahre1496 geschehen bezeugt wird (Blatt 168 v ), liegt die Annahme nahe,daß die Niederschriften des Bandes wohl alle vor oder spätestens in
dem Jahre 1496 gemacht worden sind, die Zusammenstellung aberder Handschrift in ihrer jetzigen Form samt Register, Vor- und Schluß-bemerkung ins XVI. Jahrhundert anzusetzen ist.
Später befand sich die Handschrift im Besitze Wolfgang Panzersin Nürnberg, dann des Archivars Habel in Schierstein und gelangteendlich im Jahre 1904 mit den Habel-Conradyschen Sammlungen vonBüchern und Handschriften aus Schloß Miltenberg in München zur Ver-steigerung, wobei sie von der Hof- und Staatsbibliothek erworben wurde.
Ihre erste Erwähnung durch Docen findet sich in FriedrichHeinrich von der Hagens Museum für Altdeutsche Literatur und Kunst.I 1809, S. 158.
Vgl. Adalbert Keller, Fastnachtspiele. III (= Bibliothek des LitterarischenVereins in Stuttgart. XXX). 1853, S. 1269—1271. — Gustav Könnecke,Bilderatlas zur Geschichte der deutschen Nationallitteratur 2 . 1912,S. 101. — Vollständige Ausgabe von August L. Mayer, Die Meisterliederdes Hans Folz aus der Münchener Originalhandschrift (= DeutscheTexte des Mittelalters, herausgegeben von der Kgl. Preußischen Akademieder Wissenschaften. Bd. XII). 1908.
Die nicht unschöne Schrift von Hans Folz hat die flüssige Verbindungder Buchstaben in fortlaufendem Zuge durch Aufstriche nicht nur bei derGruppe i, m, n, u, sondern auch bei a (Z. 1), 1 (Z. 3), 2 (Z. 12), z (Z. 16) sehrentschieden entwickelt, wodurch der kursive Charakter durchaus als herrschendhervortritt. Trotzdem wirkt in der Klarheit und Entschiedenheit der Einzel-formen, in der ziemlich steilen Richtung der Schrift, die neben gelegentlichausgesprochener Schrägstellung (Z. 1) überwiegt, in der häufigen Beibehaltungglatter Oberlängen statt Schleifenbildung und der nicht seltenen Verbindungs-losigkeit mancher Buchstaben wie v (Z. 19), w (Z. 20), h (Z. 12), e (Z. 3) dieältere Buchschrift noch stark nach und gibt dem Schriftbild, auf dessenRaumeinteilung mit Absetzen der Verse und Strophen, mit Herausrückender Reimworte und Betonen der Über- und Unterschrift überlegte Sorgfaltverwendet ist, einen monumentaleren stattlicheren Anstrich, als er einer lässigenGebrauchskursive eignen würde. Besonders die Zurückhaltung in der Schleifen-bildung der Oberlängen ist auffallend, die bei b (Z. 5 gegen 10), d (Z. 1gegen 2), h (Z. 14 gegen 12), k (Z. 1), 1 (Z. 13 gegen 6), f (Z. 4 gegen 3)gleichmässig zu beobachten ist; dabei fließt auch noch öfters die beabsichtigteSchleife in einen bloßen Strich zusammen, namentlich bei h (Z. 1) und 1(Z. 23). Die Oberlänge des f ist meist wenig betont (Z. 7); sie wird immermit dem folgenden Buchstaben unmittelbar nach unten verbunden, nichtnur in der alten Ligatur ft (Z. 5), sondern auch mit ch (Z. 12), p (Z. 4),a (Z. 19), e (Z. 21), u (Z. 15). Die Unterlängen bei f (Z. 3), f (Z. 4), p (Z.6)und q (Z. 1) sind einfach gerade und glatt, aber entschieden ausgeführt,meist etwas zugespitzt, oft aber auch stumpf abbrechend. Feiner laufen meistdie etwas nach links abgebogenen Unterlängen von h, y und z (Z. 1) aus;doch bleiben sie bei h gelegentlich fast ganz in der Zeile stecken (Z. 23)und enden auch bei y manchmal stumpf (Z. 6), während z im Wortinnernzugunsten der Buchstabenverbindung seine Unterlänge überhaupt verliert(Z. 16). Schleifenbildung fehlt bei den Unterlängen noch ganz; selbst das gist weitaus in der Mehrzahl der Fälle offen (Z. 2 gegen 16), übrigens mit geringerBetonung der Richtung nach unten. Zusammenschreibungen runder Buchstabennach der Meyerschen Regel fehlen dieser Kursive fast völlig (De Z. 15; Do Z. 19);auch der Unterschied in der Verwendung von r und 2 ist völlig ver-
schwunden. Folz benutzt gleichmässig in jeder Zusammenstellung nur dasrunde 2, aber oft in einer Form, die der auf Tafel LXVB sehr nahe kommt(Z. 1. 2. 6. 20); das gerade r verwendet er nur in der Zierschrift der Über-schrift (verporgen Z. 9). Die einfache alte Form des a löst sich gelegentlichetwas auf (Z. 5). Das c, wiewohl außer in Tic (Z. 7) nur in unmittelbarerVerbindung mit k, z und h (Z. 1) vorkommend, ist klar ausgebildet undunterscheidet sich selbst neben z, wo die Entscheidung gelegentlich anfecht-bar ist, meist deutlich von t (Z. 3—6). Seine Fahne sitzt höher als derQuerbalken des t; auch ist es unten etwas nach rechts aufwärtsgebogen,während das t meist entschiedener abbricht (Z. 12ff.). Den schroffen geradenAbschluß wie t haben auch m, n und u, wenn sie am Wortende stehen(Z. 2. 1. 19), während sie im Wortinnern stets durch Aufstriche verbundensind. Diese bequemen Aufstriche leiten auch im Wort meist zu demstets abgebogenen d, das mit Schleifenbildung gelegentlich schon ganzdie spätere Schriftform erhält (Z. 19); daneben aber behauptet sich auchdie an sich verbindungslose Form der Buchschrift (Z. 4. 22). Nochweniger hat sich das Streben nach Verbindung beim e durchgesetzt, nachdessen offenem Halbbogen die Feder fast immer neu ansetzt (Z. 3), statt ineinem Zuge fortzufahren. Das i kommt mit und ohne Punkt vor (Z. 3);oft tritt auch dafür, namentlich für langes i (Z. 2), y ein, das keine Punkteerhält. Im Wortinnern steht für den Vokal u, am Wortanfang v. Die B-ähn-liche Form des runden s erinnert gelegentlich an ß (Z. 1. 6), das nur inder Namensunterschrift (Z. 10) in voller Ausbildung erscheint. Kürzungenverwendet Folz sehr wenig: für lateinisches eft (Z. 7) e mit Querstrich, fürzu ergänzendes r (Z. 10) den gekrümmten Haken und für weggelassenes n(Z. 16) den Querstrich. Überschreibungen, Zierstriche und alles Überflüssigeverschmäht er ganz; nur in der Angabe des Tones ist — eine Ausnahme indem ganzen Bande — bei den Worten „Im verporgen" (Z. 9) lila Farbe zurAnwendung gekommen. Die Verszeilen beginnen meist mit einfachen Majuskeln,die fast alle die Form von Kleinbuchstaben haben, am Liedanfang und indem Vornamen Hanß etwas größer ausgeführt sind.
Die abgebildete Seite ist Blatt 14 r , abgedruckt in der Ausgabe von Mayerauf S. 19 f.