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5 (1930) Deutsche Schrifttafeln aus Papierhandschriften des XIV. bis XVI. Jahrhunderts : mit einem Anh.: Gesamtverzeichnis für Bd. 1 - 5
Entstehung
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TAFEL LXVI.

MELANCHTHON, BRIEF AN DEN RAT VON NÜRNBERG. 1544.

Zu den Haus- und Tischgenossen Luthers gehörte auch derNürnberger Student der Theologie Hieronymus Besolt, der 1537 dieWittenberger Hochschule bezogen hatte. Ein jährlicher Zuschuß von50 Ooldgulden, den ihm der Rat seiner Vaterstadt gewährte, ermöglichteihm, der aus bescheidenen Verhältnissen stammte, seine Studienzeitdurchzuhalten. Zu ihrem Abschluß, zur Erwerbung des Magistergrades,aber bedurfte er, da nicht unerhebliche Kosten dabei erwuchsen, be-sonderer Mittel, zu deren Erlangung er sich die Fürsprache seines Lehrersund väterlichen Freundes Melanchthon erbat. Dieser hatte im Jahre1526 das dann nach ihm benannte Gymnasium in Nürnberg eingeweihtund stand mit den regierenden Kreisen der früh protestantisch gewordenenReichsstadt in besten Beziehungen. Unter dem 25. Dezember 1544richtete er an den dortigen Rat ein Schreiben, in dem er HieronymusBesolt als fleißigen Studenten und wackeren Menschen empfahl undbat, ihm durch eine weitere Zuwendung die Erreichung der Magister-

würde zu ermöglichen. Seine Fürbitte war von Erfolg; HieronymusBesolt hat seinen akademischen Grad erworben und ist noch bis1546 in Wittenberg geblieben. Dann hat er sich wieder nach seinerVaterstadt zurückgewandt und hat ihr bis zu seinem frühen Tode(1562) als Prediger gedient, immer bereit für die reine Lehre einzutreten.

Von Melanchthons Brief ist das erste Blatt, dessen Vorderseitedie nachstehende Tafel wiedergibt, in den Besitz der Camerariusgelangt und mit ihrer berühmten Sammlung an die Bayerische Staats-bibliothek gekommen, wo es die Bezeichnung Cam. VI, Nr. 12, führt.Der Rest befindet sich heute im Melanchthonhaus zu Bretten. Dasganze Schriftstück ist 1838 von Bretschneider veröffentlicht worden.

Vgl. Corpus Reformatorum. Edidit Carolus Gottlieb Bretschneider.V 1838, S. 256f., Nr. 2821. Georg Andreas Will, Nürnbergisches Ge-lehrten-Lexikon. I 1755, S. 108f.; V, S. 69f.

Ausgebildete und ausgeschriebene und deshalb nicht ganz leicht zu lesendeKursive von der Mitte des XVI. Jahrhunderts (1544). Bald verbindet sieeine ganze Reihe von Buchstaben zu einem ununterbrochenen Zug (Z. 5.9. 15. 16), bald rückt sie gleichsam stoßweise fort, indem sie die einzelnenBuchstaben und Buchstabengruppen ohne Verbindung mit kleinen Abständennebeneinander setzt (Z. 1. 2. 4. 8.12.17.18), beides wohl durchaus im gleichenTempo, nur etwa mit dem Unterschied des legato und staccato. Von altenVerbindungen ist außer einem etwas anders als sonst gestalteten ae (Z. 18)zwar das ft (Z. 2) erhalten und es sind die neuen Verbindungen dt (Z. 9),ff (Z. 6), Ich (Z. 4), ff (Z. 3) hinzugekommen, von denen nur Ich (Z. 16)gelegentlich auch getrennt begegnet. Ober- und Unterlängen sind kräftigausgebildet, wobei z (Z. 2) aus einem Buchstaben mit Unterlänge mehr zueinem mit Oberlänge geworden ist. Mehr oder minder deutlich ausgebildeteSchleifen sind angewendet bei d (Z. 1), f (Z. 4), g, h (Z. 1), k (Z. 12), s (Z. 5),v (Z. 2), z (Z. 9), E (Z. 13). Das b und das 1 (Z. 4) und eine zweite Formdas h (Z. 2) dagegen haben meist ganz glatte Schäfte, zuweilen (Z. 5) einenetwas längeren Anstrich.

Bei der Betrachtung der Einzelbuchstaben zeigt sich, daß die Entwicklungzur neueren deutschen Schreibschrift wesentliche Fortschritte gemacht hat.Die alte Form das a mit geschlossener Rundung ist selten (Z. 2); meist be-steht es aus einer offenen Ellipse und einem schräg nach unten gezogenen,zum folgenden Buchstaben führenden Verbindungsstrich (Z. 5), manchmalaber ist die Ellipse zu einem bloßen Winkelhaken geworden (Z. 15). DerBauch des b ist teils offen (Z. 1), teils geschlossen (Z. 5), teils zusammen-geflossen (Z. 2). Bei d ist die ursprüngliche Rundung ganz offen und die heuteübliche Form schon erreicht (Z. 1). Ebensoweit ist die Entwicklung des evorgeschritten. Seine frühere Rundung ist verschwunden. Nur ein senk-rechter Grundstrich mit einem kleinen, schräg nach unten gerichteten zweitenStrich ist erhalten. Dieser ist nur ganz selten mit dem ersten verbunden(Z. 1), sondern lose, oft nur als ein Punkt daneben gesetzt (Z. 3) oder mitdem folgenden Buchstaben verschmolzen (Z. 2). Ist die Verbindung vor-handen, so zeigt sich im wesentlichen die heutige Form. Die obere Rundungdes g ist nur vereinzelt erhalten (Z. 9); überwiegend ist sie durch einenhakenförmigen Anstrich ersetzt (Z. 3). Auch hier ist der Übergang zur heutigenForm nur ein Schritt. Dieser ist getan bei h (Z. 1), das aber in der Ver-bindung ch meist, besonders am Wortende, seine untere Schleife verliert(Z. 5). Daneben hat sich die alte Form erhalten (Z. 2). Das i entbehrt häufigerdes Punktes, als es ihn hat (Z. 10 gegen Z. 1). Im Wortanfang ist es meistetwas größer (Z. 17 gegen Z. 13). Die Form des k ist im wesentlichen die

heutige (Z. 12). Der Schlußstrich von m und n (Z. 1) ist am Wortende gerneunter die Zeile gezogen und etwas eingebogen. Das p hat noch die alte Form(Z. 11). Bei r überwiegt die alte, gerade Form (Z. 1), doch begegnet ineinzelnen Fällen auch das runde 2 (Z. 3). Beim langen f ist die frühere Ver-dickung des Schaftes durch einen kleinen Anstrich nach unten ersetzt (Z. 7),der im Wortinnern zur Herstellung der Verbindung mit dem vorhergehen-den Buchstaben benutzt wird (Z. 13). Damit ist die Form gegeben, die nochvor 12 Generationen allgemein gebräuchlich war. Das runde s (Z. 7) hatam Wortende meist schon seine jetzige Form. Neben dem langen f wird es aucham Wortanfang gebraucht (Z. 9). Der Querstrich des t ist nicht mehr obenangesetzt, sondern wird vom untern Ende des Schaftes schräg nach obengeführt (Z. 4). Der Anstrich geht nicht selten verloren (Z. 6). Die Scheidungvon u im Wortinnern und v im Anlaut ist fast durchweg beibehalten, dochbegegnet v auch im Wortinnern (Z. 12). Ersteres hat zuweilen das jetztübliche Häubchen, doch nicht immer (Z. 4 gegen Z. 1). Während die Formdes v nur durch den meist längeren, von links oben kommenden Anstrichsich von der heutigen unterscheidet (Z. 7), zeigt w noch ziemlich unver-ändert die alte Form (Z. 2). Das z dagegen hat sich der jetzigen Formstark genähert (Z. 5), nur seine Stellung im Zeilensystem ist eine andere;dadurch kann es mit h verwechselt werden (Z. 9). Die Großbuchstaben sindin der Entwicklung fast alle noch zurück: B und H (Z. 13), C (Z. 2), I (Z. 1),N(Z. 8), R (Z. 6). Nur E (Z. 1) läßt erkennen, daß es zur heutigen Formnur geringer Weiterentwicklung bedarf. Auch das G am Anfang (Z. 1) zeigtschon Anklänge an die spätere Gestaltung in der Fraktur.

Willkürliche Verdoppelungen spielen keine große Rolle; sie begegnenbei f (Z. 6) und t (Z. 14). Von den früheren Überschreibungen finden sichSpuren außer in dem schon erwähnten u-Häubchen nur in der Übereinander-stellung der Punkte bei dem Umlaut von o (Z. 7). An Kürzungen wirdverwendet für zu ergänzendes m der aus dem Endstrich des vorhergehen-den Buchstaben nach oben und rückwärts gezogene wagrechte Strich (Z. 14)und ein nach unten geführter Schnörkel für fehlendes en (Z. 6). AlsSuspensionen begegnen E und w für Eiv* weiffheit (Z. 14). Als einzigesSatzzeichen dient innerhalb und am Schluß des Satzes ein kleiner, schrägerStrich (Z. 2. 12).

Zwischen den Zeilen wird die Schrift der Gegenseite sichtbar. DieZählung der in dem Band enthaltenen Briefe (12) und die der Blätter (22)ist modern. Der Hinweis mit Bleistift auf Bretschneider V 256 stammt vonSchmellers, der in der Form C(orpus) R(eformatorum) v p. 256 von DocensHand.