Druckschrift 
5 (1930) Deutsche Schrifttafeln aus Papierhandschriften des XIV. bis XVI. Jahrhunderts : mit einem Anh.: Gesamtverzeichnis für Bd. 1 - 5
Entstehung
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TAFEL LXV.

A. LUTHERS ERMAHNUNG ZUM FRIEDEN AUF DIE ZWÖLF ARTIKELDER BAUERNSCHAFT IN SCHWABEN.

Bald nach dem Aufflammen des Bauernkriegs im Südwesten vonDeutschland fanden die allgemein vertretenen Beschwerden undForderungen ihren gemeinsamen Ausdruck in der Kundgebung derhinsichtlich ihrer Verfasserschaft umstrittenen 12 Artikel. Entstandenspätestens im Februar 1525, lagen sie im März zu Ulm im Druck vor.In einer gleichzeitigen Schrift war Luther unter denen genannt worden,die die Bauern bei den von ihnen gewünschten Verhandlungen mitdem Schwäbischen Bund als Unterhändler teilnehmen sehen wollten.Bevor Luther von den inzwischen vollbrachten Greueltaten der Bauernerfuhr, schrieb er im April, auf einer Reise begriffen, zu Eisleben seine,Ermahnung'. Das eigenhändige Druckmanuskript gelangte auf nichtmehr festzustellende Weise in den Besitz des Regensburger PredigersMathäus Schmoll (16101675). Ein Eintrag auf dem Vorsatzblattmeldet: ,Einem Wol Edel Gestrengen, Fürsichtig, Hoch / vnd WolweisenHerren Statt Cammerer / vnd Rath, des H. Römischen Reichs frey- /en Statt Regensburg, seinen großgünstigen / geneigten Herren vndBeförderen, / hinterlies nach seinem Seeligen / ableiben, disen Tractatzu schul- / digen vnterthenigen Ehren. / Matthaeas Schmoll von Steyrauß Ober Österreich, / gewester Evangelischer Prediger alda'. Werder genannte Stadtkämmerer war, ist unbekannt, ebenso wie die Hand-schrift, wahrscheinlich über die Stadtbibliothek in Regensburg durchdie Säkularisation, an die Münchener Staatsbibliothek gelangte. Dort

ist sie als Cod. germ. 4101 (= Cim. IV. 7. a) aufgestellt worden. Es isteine Handschrift in 4° von 18 Blättern, wohl im XVIII. Jahrhundertmit einem schlichten schwarzen Ledereinband versehen, mit einer anden Kanten der Deckel umlaufenden einfachen Goldumrahmung undje einem Mittelstück in Form einer stehenden Raute. Darin auf demVorderdeckel:,Herrn D. / Martini Lutheri / seelige/z ermahnung / zumFriede auff die 12. / Artickel der Paurschaft / in Schwaben mit eig- / nerHand ge- / schriben'. Auf der ersten Seite steht von Luthers Hand der Titel:,Ermanunge zum fride [für durchgestrichenes: ,an die furften vndherren'J / auff Die zwelff artickel der / Bawrfchafft ynn Schwaben /Martini Luther.' Die Handschrift zeigt nicht wenige Verbesserungenund Zusätze von Luthers Hand. Nach der fast ausnahmslosen Über-einstimmung zwischen diesem Text und dem des ältesten, Witten-berger Druckes (A) von 1525 hat die Handschrift wohl als Druckvorlagegedient, worauf auch die Rötel-Zahlen hindeuten, die wahrscheinlich vomFaktor als Seitenanordnung beigeschrieben sind und mit der Seiten-einteilung und den Seitenzahlen des genannten Druckes zusammengehen.Die Handschrift, von der die folgende Tafel Blatt 2 V wiedergibt, istvon Oskar Brenner und W. Möllenberg beschrieben und abgedruckt inD. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe. Weimar. XVIII1908, S. 279334.

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Luther schreibt eine voll ausgebildete, schräg liegende Kursive von großerFlüssigkeit und Gleichmässigkeit. Um ein möglichst rasches Vorrücken derHand zu erreichen, werden einmal Schleifen gebildet. So bei b (Z. 3), f(Z. 4), g (Z. 1), h selten, wenn es allein steht (Z. 22), fast immer, wennmit c verbunden (Z. 5), vereinzelt auch mit einer Schleife in der Unterlänge(Z. 4) wie auch z (Z. 26), ferner bei k, sowohl wenn es allein steht (Z. 7) alswenn es mit c verbunden ist (Z. 1), bei 1 (Z. 1) und s (Z. 2). Ferner werdenmöglichst enge Buchstabenverbindungen hergestellt. Zu der alten ft (Z. 1)treten die neuen ch, ck, ff (Z. 1), wobei der zweite Buchstabe verkleinertund etwas in die Höhe geschoben wird, gt (Z. 16), fch (Z. 11), fe (P. 15),fi (Z. 12), fo (.2), fp (Z. 16 ), ff (Z. 6), so (Z. 13). Darüber hinaus werdenBuchstabengruppen und ganze Wörter nicht nur möglichst aneinander-geschlossen, sondern sichtlich auch in einem Zuge geschrieben. Dazu dienenauch Verbindungsstriche, die zwischen Buchstaben mit und Buchstabenohne Oberlängen jeweils nach deren oberem Ende geführt werden: bl, II(Z. 3), ab (Z. 15), oh (Z. 9), yh (Z. 12), al (.Z 11), il (Z. 20), ol (Z. 3), yl(Z. 21), et, ht (Z. 7), nt (Z. 8), ut (Z. 9), yt (Z. 21), zt (Z. 9). Des weiterenentwickeln sich an und zwischen den Buchstaben ohne Ober- und Unter-längen c, i, m, n, u, w, auch y aus den diagonalen VerbindungsstrichenBogenlinien (Z. 4. 10. 13. 20), deren Fluß aber oft unterbrochen wird, dae und r nur selten mit folgenden Buchstaben sich verbinden (Z. 1.5. 14.27 gegen 5. 14.16. 27), dabei ist ein gewisser impressionistischer Zug der Schriftunverkennbar. Das Auge des Lesers muß vieles ergänzen, denn es besteht einegewisse Verkümmerung der Formen, wie bei a, e, r, t, y. Aus allen diesenZügen ergibt sich die völlige Schmucklosigkeit der Schrift, zugleich aber,weil doch die verkürzten Formen mit großer Folgerichtigkeit gebrauchtwerden und kräftig entwickelte Ober- und Unterlängen vorhanden sind, einegute, eindeutige Lesbarkeit. Daran, daß die Grundstriche mehr in derWagerechten, die Haarstriche mehr in der Senkrechten zu beobachten sind,erkennt man die etwa um einen Achtelskreis gedrehte Haltung der Feder (t Z. 5).

Der zweite Grundstrich des a steht nicht senkrecht, sondern schräg nachrechts (Z. 1); an die Stelle der Rundung ist ein Winkel zweier Geraden ge-

treten (Z. 5); nur selten ist erkennbar, daß deren erste aus dem Zusammen-fallen von Hin- und Herstrich entsteht (Z. 2). Beim g wird aus der Schleifein einem Zug der Querstrich angeschlossen, der die Verbindung mit demfolgenden Buchstaben herstellt (Z. 6; vgl. Tafel LXIV). Neben dem hmit Schleife begegnet am Anfang der Wörter und im Inlaut eine Form mitglattem Schaft, mit (Z. 15. 29) und ohne (Z. 3. 30) Ansatzstrich. Die Unterlängeverdient diese Bezeichnung nur selten (Z. 21). Das i hat keinen Punkt. Beimk ist der Doppelhaken als zweite kleine Schleife mit Querstrich in die erstegrößere Schleife hineingesetzt (Z. 7); dieser stellt die Verbindungen mit denfolgenden Buchstaben her. Auch bei 1 wechseln Formen mit und ohneSchleifen ab; erstere überwiegend am Wortanfang (Z. 1), letztere nur imWortinnern (Z. 3). Die Scheidung zwischen f am Wortanfang und im Wort-innern, s am Wortschluß ist nicht mehr streng durchgeführt; s begegnetauch am Wortanfang (Z. 12. 13). Nur einmal (Z. 5) begegnet ein t mit aus-gebildetem hochangesetzten Querstrich; sonst begegnet nur ein kleines, obenspitzwinkeliges t mit tiefangesetztem verkümmerten Querstrich, eine Form,die der heutigen deutschen Schrift sehr ähnlich ist (Z. 9). Als Konsonantund als Vokal steht v am Anfang der Wörter (Z. 4), u im Wortinnern (Z. 15);im letzteren Fall gelegentlich ersetzt durch w (Z. 9). Die Unterlänge des yist oft stark verkürzt (Z. 13 gegen Z. 21). Das z hat mehr Ober- als Unter-länge (Z. 26). Die Großbuchstaben haben teils die alten (A: Überschrift; B:Z. 3; D:Z. 7;G: Z. 27; W: Z. 21), teils aus diesen entwickelte neue Formen(E:Z. 1; I:Z. 15).

Verdoppelungen sind nicht selten (ff: Z. 1; dd: Z. 5; 11: Z. 14; ff: Z. 3;tt: Z. 4). Vokalzeichen, zwei Punkte, begegnet nur bei u (Z. 9). Von Kürzungenkommt vor ein wagrechter Strich für ausgelassenes e (Z. 25) und auch einmalp mit Querstrich durch die Unterlänge für per (Z. 17). Als einziges Satz-zeichen dient ein kurzer, feiner schräger Strich; der Punkt daneben in Z. 6scheint zufällig. Trennungsstriche werden nicht verwendet.

Die späten Rötelnummern 5 (Z. 1) und 6 (Z. 28) lassen die Benutzungder Handschrift als Druckvorlage erkennen. Die abgebildete Seite ist Blatt 2 Vder Handschrift.