Druckschrift 
5 (1930) Deutsche Schrifttafeln aus Papierhandschriften des XIV. bis XVI. Jahrhunderts : mit einem Anh.: Gesamtverzeichnis für Bd. 1 - 5
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

TAFEL LXIV.

ULRICH FÜETRER, BAYERISCHE CHRONIK, MIT RANDBEMERKUNGENAVENTINS.

Cgm. 565 enthält eine Niederschrift der Bayerischen Chronik UlrichFüetrers, der als Maler und Dichter am Hofe des Herzogs Albrecht IV.von Bayern in München lebte und gegen Ende seines Lebens 14781481im Auftrag seines Herrn dieses Geschichtswerk verfaßte. Der Haupt-teil, Bl. 172, der 109 Blätter umfassenden Handschrift ist von einerHand, der Rest von mehreren Händen Ende des XV. Jahrhunderts sehrsorgfältig geschrieben. Sie ist die beste Vertreterin der die alte Formder Chronik ziemlich unberührt lassenden zweiten Redaktion.

Auf der Innenseite des Vorderdeckels findet sich folgender Ein-trag: ,Anno domini 1.5.2.0. Am tag Natiuitatis Virg//zis marie, Hat desedln vnd vefften Bernhardin von Trenbach zw Burckfridt der zeit aufSand Gorigen Perig ob Paffaw Pflergers (!): Vetter. Hanns von Hertzheimzw der Streaw: vnd Salomonfkirichen, Diß Coronicken: der loblichennFürfften von Bayern. &c Alltes herkhomen: vberlefen: Gott fey lobEwigklich. Deus ad te: Adiuua me 1 . Darunter eine verkürzte Unter-schrift, wohl Hans Hertzheim bedeutend. Darüber, z. T. durch das Exlibris

Gotische Buchschrift um das Jahr 1480 von spitzigen, vielfach gebrochenenFormen, zugleich von ausgesprochener Zierlichkeit und schöner Gleichmäßig-keit, eine treffliche Schreiberleistung. Die Buchstaben stehen noch steil, fastjeder einzelne ist für sich gebildet. Von den alten Buchstabenverbindungenist nur ft noch in Gebrauch (Z. 2); daneben findet man ch (Z. 2), ck (Z. 17),cz (Z. 1), ff (Z. 2) und ff (Z. 23) meist etwas auf Kosten der ersten Bestand-teile enger zusammengeschlossen. Auch die Wilhelm Meyerschen Buchstaben-verbindungen spielen im Schriftbild keine sehr erhebliche Rolle. Außereinem einzelnen pp (Z. 15) begegnen keine Zusammenschreibungen, derenTeile nicht auch getrennt nebeneinander stehen: da (Z. 17 gegen Z. 3), de(Z. 34 gegen Z. 13), do (Z. 17 gegen Z. 20), he (Z. 8 gegen Z. 2), oc (Z. 16gegen Z. 12), pe (Z. 15 gegen Z. 16), po (Z. 31 gegen Z. 11), zo (Z. 8 gegenZ. 7). Wenn doch die Worte im Ganzen gut zusammengeschlossen sind,so geschieht dies nur ganz zum Teil mit den Mitteln der Kursive. IhreSchleifen sind nur bei d und h zu beobachten, dabei stehen aber einer ganzüberwiegenden Mehrheit von Fällen mit glatten Schäften eine nur kleineZahl von solchen mit Schleifen gegenüber. Diese zeigen sich fast nur inden Verbindungen ch (Z. 2) und dt (Z. 1), aber auch da begegnen fast ebensooft Fälle von ch (Z. 1) und dt (Z. 11) mit glatten Schäften. Außerhalb dieserVerbindungen begegnen d (Z. 24) und h (Z. 17) mit Schleife nur je einmal.Auch die diagonale Führung der Haarstriche bei i, m und n ist nur seltenangewendet (Z. 12: namen, Z. 15: maincz, Z. 17: lanndt, Z. 29: Jm). Endlichsind die zahlreichen Zierstriche meist nicht im Zug der Schrift angebracht,sondern unterbrechen vielfach deren fortlaufenden Fluß. Ihre Formen sindrecht mannigfaltig. An den Oberlängen von b (Z. 26), k (Z. 2), 1 (Z. 17), 11(Z. 23) finden sich feine wagrechte Haarstriche. Gespaltene Schäfte zeigenh (Z. 2) und 1 (Z. 1), gefiederte b (Z. 6), h (Z. 3), 1 (Z. 5) und J (Z. 10).Auslaufende Querstriche am Wortende sind mit senkrechten Haarstrichen ver-sehen bei g (Z. 6) und t (Z. 3). Solche Zierstriche finden sich aber auchziemlich unorganisch angebracht bei n (Z. 18), z (Z. 29), j (Z. 14) am Endeund bei a (Z. 4) und d (Z. 16) am Anfang von Wörtern. Ohne Zusammen-hang mit den benachbarten Buchstaben findet er sich Z. 14 und 27. Organischgebildet erscheint nur der Schnörkel am k (Z. 14) doch wird auch dieseröfters in zwei Teilen geschrieben (Z. 12) und am m (Z. 27) und n (Z. 2.13. 31). Das runde i ist ohne einen Zusammenhang mit der früheren Schreiber-regel die durchaus vorherrschende Form geworden. In einem Dutzend Fällenbegegnet auch das gerade r, zur Hälfte des Vorkommens in der Verbindung 2r(Z. 2). Ober- und Unterlängen sind ungefähr gleich gut ausgebildet.

Das a ist wieder zur alten unzialen Form zurückgebildet; es wird inzwei Zügen mit einem Ansatzstrich geschrieben (Z. 4). Das b ist fast durch-weg geschlossen (Z. 3 gegen Z. 26). Wenn auch die Form des c durchAnstrich (Z. 11) oder Verlängerung des Hakens nach links (Z. 14) etwas ver-ändert wird, so unterscheidet es sich doch dadurch ganz klar von t, daßder Grundstrich nicht nach oben verlängert wird. Das e hat keine Zungemehr. Der zweite Grundstrich des g überragt den ersten um ein gutes Teil;die Schleife bleibt bald offen (Z. 8), bald wird sie bis zum Querstrich herauf-gezogen, der stark nach rechts vorsteht und zur Verbindung mit dem nächstenBuchstaben benutzt wird (Z. 5). Das h hat in beiden Formen die Unter-länge wenig entwickelt. Das i begegnet meist in einer kleineren (Z. 1), ge-legentlich nach unten verlängerten (Z. 11) und in einer größeren, auchals Majuskel verwendeten Form (Z. 28. 33), diese für konsonantische wievokalische Funktion. Die kleinere Form hat Punkt (Z. 4) oder Strich (Z. 10).

des Benediktiner-Klosters Wessobrunn verdeckt, eine Reihe von dietä-tischen Vorschriften von der Hand Aventins. Von ihm stammen desweiteren die sehr bezeichnenden, stark kritisierenden und verbessern-den Randbemerkungen zum Text, die sich auf Blatt 213 eingetragenfinden. Aus der ersten Hälfte des XVII. Jahrhunderts stammen aufder Vorderseite des zweiten und auf der Rückseite des letzten Blattesdie Einträge: .Philipp Fese burger Se[i]denftrikher v[n]d khnöpfmacherin München' und: ,PhiIippo Fese Bodonaro in Monaco'. Von ihm wohlist die Handschrift an das genannte Kloster und von da durch die Säkulari-sation 1803 nach München in die Bayerische Staatsbibliothek gekommen.Vgl. Siegmund von Riezler, Geschichte Bayerns. III 1889, S. 911,Anmerkung 1. Ulrich Füetrer, Bayerische Chronik. Herausgegebenvon Reinhold Spiller (= Quellen und Erörterungen zur bayerischenund deutschen Geschichte. Neue Folge, 2. Band, 2. Abteilung). 1909,S. XXVXXVII. XXXIII. LXVIILXXX.

Mit einer gewissen Vorliebe wird i durch y ersetzt. Der Doppelhaken desk wird in einem Zuge geschrieben und erscheint so als kleine Schleife mitQuerstrich darunter (Z. 10), der gelegentlich den Schaft durchschneidet (Z. 12).Das p ist nur selten nicht geschlossen (Z. 6). Das Schluß-s hat bald mehrdie Form eines B (Z. 10), bald mehr die einer 8 (Z. 11). Beim t ragt derSchaft merklich über den Querstrich hinaus, wodurch eine Verwechslungmit c vermieden wird. Im Wortinnern wird u, im Wortanlaut v gebraucht,beide vokalisch und konsonantisch (Z. 1;Z. 1 und 11). Bei v und w amWortanfang begegnen allerlei Zwischenformen und -großen, so daß eine Unter-scheidung zwischen Klein- und Großbuchstaben kaum möglich ist (Z. 28 und30; Z. 16 und 17). Für sich steht das V in Z. 15. Das w wird auch vokalischfür u gebraucht (Z. 8). Das y hat bald einen (Z. 27), bald zwei Punkte (Z. 35),die aber oft zu einem kleinen, ansteigenden Strich geworden sind (Z. 30). Auchfür z gibt es zwei in sich nicht einheitlich gestaltete Formen, eine größereim Wortanlaut (Z. 4) und eine kleinere, 3-förmige mit einer nach rechtszurückgebogenen kurzen Unterlänge; beide wiederum in verschiedener Ge-staltung (Z. 3 und 5; Z. 1 und 32). Auch hier ist zwischen Klein- undGroßbuchstaben nur willkürlich zu unterscheiden.

Die übrigen Großbuchstaben haben zum Teil eigene Formen (A: Z. 14;B: Z. 7; E: Z. 1; R: Z. 6; S: Z. 18), zum Teil sind es auch nur vergrößerteMinuskeln (N: Z. 8).

Verdoppelungen ist der Schreiber nicht abgeneigt (ff: Z. 2; 11: Z. 5;nn: Z. 1; tt: Z. 6). Überschreibungen kommen nicht mehr vor. Die Um-laute werden durch Doppelpunkte oder -striche bezeichnet (ä: Z. 30; ö: Z. 36;ü: Z. 18). Von Kürzungen, die selten sind, begegnet außer dem gebogenenStrich für weggelassenes m (Z. 5) und et cetera (Z. 15) allein eine kräftigeWellenlinie, der frühere stehende Haken für (e)r, nur für zu ergänzendes e(Z. 7 und 17; vgl. Tafel LXI und LXII). Satzzeichen sind keine gesetzt. Einigeder oben erwähnten Zierstriche (Z. 6. 14. 18) könnte man vielleich als solche zudeuten versucht sein, bestände sonst nicht doch völlige Willkür im Setzen undWeglassen. Beim Abteilen, das mit Ausnahme von teutfch-en (Z. 24/25) unden-tran (Z.28/29) nach heutigem Gebrauch geschieht, sind Doppelstriche gesetzt(Z. 13), die allerdings gelegentlich (Z. 3) nur Zeilenfüllsel sind. Die einzelnenAbschnitte sind durch freigelassene Zeilen getrennt und beginnen mit größerenBuchstaben, deren etwas ungelenke Schnörkel weit in den linksseitigen Randsich hineinziehen.

In starkem, sehr bezeichnendem Gegensatz zu der bedächtigen Feierlich-keit des Schreibers stehen die kritischen Bemerkungen, die Aventin( 14771534)mit flüchtiger Gelehrtenhand, nur dem Inhalt der Seite sich zuwendend unddarum keine Rücksicht auf ihre schöne Form nehmend, ringsum auf denRändern angebracht hat. Mit ihrer Abschleifung der Einzelformen, ihrenSchleifenbildungen, ihren Kürzungen und ihren engen, Einzelheiten ver-nachlässigenden Zusammenfassungen von Buchstabengruppen, ihrer Schmuck-losigkeit und schweren Lesbarkeit, zeigt sie alle Züge der wenig späterenKursive. Einzelne Buchstabenformen von a, d, h, fch, ft, s, t, lassen erkennen,daß die Entwicklung in der Richtung auf die spätere deutsche Schreibschrifthier schon um einiges weiter fortgeschritten ist.

Die beiden Namen boemu/zdus und Igzaminon sind nicht von Aventin,sondern von einem früheren Besitzer an den Rand gesetzt, ein vielfach zubeobachtendes, die Auffindung von Eigennamen erleichterndes Mittel.

Die abgebildete Seite ist Blatt 3 V der Handschrift, abgedruckt in derAusgabe von Spiller S. 911.