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5 (1930) Deutsche Schrifttafeln aus Papierhandschriften des XIV. bis XVI. Jahrhunderts : mit einem Anh.: Gesamtverzeichnis für Bd. 1 - 5
Entstehung
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TAFEL LXIII.

ZÜRCHER CHRONIK.

Cod. germ. 558 ist in der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts vondrei verschiedenen Schreibern in St. Gallischem Gebiete geschriebenworden. Den ersten Teil der Handschrift, Bl. l r100 r , bildet einSchwabenspiegel mit dem Landfrieden König Rudolfs vom Jahre 1287; erist nach der Schlußschrift auf Bl. 100 r im Jahre 1462 von OthmarGossau von St. Gallen fertiggestellt worden. Nach einigen ungezähltenleeren Blättern folgt von anderer Hand und auf anderem Papier geschriebenauf Blatt 101 r124 r die kurze Zürcher Chronik des SchultheißenEberhart Mülner (gestorben 1382) über die Jahre 13501355, vermehrtdurch eine Reihe kurzer Angaben und durch eine kleine Toggen-burger Chronik, die bis 1446 reicht. Der Schreiber dieses Teils hatsich nicht genannt, kehrt aber auch in der Praktika, den monatlichenPlaneten- und Gesundheitsregeln, wieder, die auf Bl. 151 r160 r denSchluß des Bandes bildet. Dazwischen, Bl. 125 r150 r , ist das Fecht-und Jagdbuch des ebenfalls St. Gallischen Hugo Wittenwiller einge-schoben, der sich auf Bl. 141 r als Schreiber nennt und vielleicht auch derVerfasser dieses Buches ist; die Jahreszahl auf Bl. 140 v ist unleserlich.Vereinigt wurden diese verschiedenen Teile wohl schon im XVI. Jahr-hundert in ihrem festen, halb Holz-, halb Lederband, dessen Rückenspäter den bezeichnenden weißen Kalkanstrich der Jesuitenbibliothekenerhielt. Wie der Codex in den Besitz der Jesuiten und nach Augs-

Die Schrift des Zürcher Chronisten, dessen erste Seite, Bl. 101 r , wirvorlegen, zeichnet sich durch unverkünstelte Klarheit und Bestimmtheit aus.Zierstriche fehlen ganz; selbst in der roten Überschrift, bei der eine gewollteStattlichkeit und, wohl auch durch den Schreibstoff mit bedingt, eine nichtunmerkliche Verschiedenheit der Schriftzüge von denen des Textes zu be-obachten ist, findet sich dazu nur ein schwacher Ansatz (bei g in Z. 3). Dereinzige Schmuck ist das Rot der ersten fünf Zeilen und der mehr wuchtigenals zierlichen Initialen A (Z. 6) und D (Z. 1). Die Schönheit der Schriftberuht in ihrer sicheren Festigkeit und gleichmäßigen Breite, mit der sie denauf dem rauhen, starken, etwas bräunlichen Papier eingeritzten, nicht mit Federoder Blei vorgezeichneten Rahmen mit nur geringen Überschreitungen aus-füllt, ohne Lücken zu lassen. Sie steht in der Hauptsache sehr aufrecht undsteil, eine ausgesprochene Buchschrift, die die einzelnen Buchstaben ohneHast und Flüchtigkeit ausbildet. Doch ist sie trotz dieser älteren Tradition, dieihr das erste Gepräge gibt, in weitgehendem Maße von der Entwicklung desXV. Jahrhunderts ergriffen. Sie schließt sich vielfach der kursiven Schleifen-bildung an und neigt zu der Buchstabenverdoppelung bei f, f, n, die später,im XVI. und XVII. Jahrhundert, zu so starken Entartungen gelangt (Z. 6. 12 undregelmäßig vn/zfer Z. 8 usw.). Im wesentlichen sind die Buchstabenformensehr einfach und klar; vielfach aber wendet der Schreiber auch zweierleiFormen für einen Buchstaben an, wobei es auch an Zwischenstufen nichtfehlt. Besonders bezeichnend für das Schriftbild sind die Ober- und Unter-längen. Der Schreiber bevorzugt hierbei starke, steile, glatte Schäfte, denen er gerneeinen leichten Aufstrich beigibt. So bei b (Z. 7 gegen 12), k (Z. 19 gegen 8),1 (Z. 6 gegen 9). Bei 1 erscheint aber daneben häufig die Schleifenbildung (Z. 7),die beim h den oberen Schaft er findet sich nur noch in einer AusnahmeZ. 1 bereits völlig verdrängt hat (Z. 7). Auch das d wechselt zwischen glatterOberlänge und Schleife (Z. 8); doch steht auch der glatte Schaft nie auf-recht und ist immer von links schräg herabgezogen. Bei f und f ist dieOber- und Unterlänge gleichmäßig stark ausgebildet, die erstere mit einer Haubeund Anstrich (Z. 15. 16), die letztere oft sich etwas verjüngend, wenn auchselten eigentlich spitz zulaufend (Z. 15). Die steil aufrechte Stellung beiderBuchstaben neigt sich meist etwas schräg, wenn Verdoppelung eintritt(Z. 12. 23). Vereinzelt ist auch die Unterlänge des h breit und gerade herunter-gezogen (Z. 24), meist aber ist sie wenig ausgeprägt, sondern mit Verjüngungnach links umgebogen (Z. 7). Ähnlich ist das z ausgebildet, das einer 3ähnelt (Z. 6). Stärker ist dagegen meist die Unterlänge des g entwickelt, diegewöhnlich zur geschlossenen Schleife heraufgezogen ist (Z. 9), öfters aberauch offen bleibt (Z. 22). Nur ein dünner, nach links abwärts laufenderStrich ist die Unterlänge des y (Z. 27). Beim t setzt sich die Entwicklung zurOberlänge teilweise dadurch deutlich durch, daß der nach rechts angesetzteQuerstrich in der Höhe der kleinen Nachbarbuchstaben gerade abschneidet,der Grundstrich aber etwas darüber hinausragt (Z. 13). Vereinzelt wird dasr dem t ähnlich (dar Z. 23 und zit Z. 8); es ist zusammengesetzt aus einemmanchmal ganz geraden (Z. 12), öfter leicht gebogenen starken Grundstrich(Z. 8) und einem geraden dünnen (Z. 12) oder etwas abgebogenen und

bürg gelangt ist, läßt sich nicht feststellen; im Jahre 1806 ging er vondort in die Münchener Hofbibliothek über.

Die Handschrift wurde des Schwabenspi^gels wegen zuerst im Jahre1837 von Schmeller, genauer aber mit Rücksicht auf ihre Schweizer Be-standteile im Jahre 1874 untersucht und beschrieben von Gustav Scherrer,der auch Teile daraus abdruckte.

Vgl. Andreas Schmeller in den Gelehrten Anzeigen. Herausge-geben von Mitgliedern der k. bayer. Akademie der Wissenschaften.IV 1837, Sp. 250. Der Schwabenspiegel, herausgegeben von FriedrichLeonhard Anton Freiherrn von Laßberg. 1840, S. LXXI, Nr. 110.Carl Gustav Homeyer, Die deutschen Rechtsbücher des Mittelaltersund ihre Handschriften. 1856, S. 130, Nr. 480. Ludwig Rockinger,Berichte über die Untersuchung von Handschriften des sogenanntenSchwabenspiegels. VII (== Sitzungsberichte der philosophisch-historischenKlasse der Akademie der Wissenschaften in Wien. CVII 1884), S. 41,Nr. 257, und XII (= ebenda CXX, Abhandlung VII 1890), S. 26, Nr. 257.Gustav Scherrer, Kleine Toggenburger Chroniken. 1874, S. 130,97111. Chronik der Stadt Zürich. Mit Fortsetzungen. Herausgegebenvon Johannes Dierauer (= Quellen zur Schweizer Geschichte. XVIII),1900, S. XHIf., XXII, XXIXf., 47f.

verdickten Ansatzstrich (Z. 6). Das e ist meist ein breit gedrückter, nachrechts offener Halbkreis, der sich fast immer unmittelbar mit dem folgendenBuchstaben verbindet. Nur in der Überschrift ist seine ursprüngliche Formmit dem zweifachen Ansatz noch so klar ausgeprägt wie in Z. 3. Beim swechselt eine geschlossene, der 8 ähnliche Form (Z. 20) mit einer offenen,die sich einer 6 nähert (Z. 19); daneben kommt noch eine weitere, in dieLänge gezogene Ausbildung des Buchstabens vor (Z. 9). Das scharfe ß amWortende (Z. 20) wird oft zu verstärkt (Z. 12). Für den Vokal u stehtam Wortanfang stets v (Z. 6), im Wortinnern u; vereinzelt findet sich hier uauch für konsonantisches v (Z. 9). Der Schreiber hat eine Neigung, gelegent-lich einzelne Buchstaben ohne ersichtlichen Grund größer zu schreiben alsdie nebenstehenden; besonders bei v (Z. 11) und w (Z. 24) fällt dies auf undverwischt die Grenze zwischen großen und kleinen Buchstaben; nur E (Z. 19),H (Z. 14) und R (Z.25) haben selbständige Majuskelformen, die M (Z.6), I (Z. 13),J (Z. 9), O (Z. 13), W (Z. 15), A (Z. 17) und V (Z. 21) sind nichts als mehroder weniger vergrößerte Minuskeln.

Die Buchstaben stehen vielfach unverbunden und einzeln; doch sinddie Worte gut zusammengeschlossen und gewisse Verbindungen regelmäßigdurchgeführt. Besonders die Art, wie die Querstriche von g (Z. 9), f(Z. 10), t (Z. 8), e (Z. 7) gerade und fest verbinden, trägt wesentlich zu demgeschlossenen Eindruck des Schriftbildes bei. Auch die vorderen Aufstrichevon i, m, n (Z. 6) dienen der Verbindung, während die unteren Abschluß-Striche von a (Z. 7) und u (Z. 6) oft, die von m und n (Z. 6) meist unbenutztbleiben. Ganz unregelmäßig ist die Anwendung der Meyerschen Zusammen-schreibung gerundeter Buchstaben; wir finden ebensowohl zusammengeschriebenwie getrennt he (Z. 15 gegen 20), be (Z. 7 gegen 11), de (Z. 14 gegen 29),da (Z. 19 gegen 23), wa (Z. 20 gegen 26), we (Z. 13 gegen 18), vo (Z. 9 gegen14). Auch bei den Kürzungszeichen wechselt unmittelbare Verbindung undgetrennte Schreibung: bei dem einfachen Strich für fehlendes m (Z. 6), n(Z. 7) oder d in vnd (Z. 3) überwiegt die Trennung (aber Z. 23, 16, 15), ebensobei dem r-Haken für r (Z. 14); dagegen ist der r-Haken an abschließendese immer unmittelbar angehängt (Z. 13). Vollständig fest ausgebildete Formenhaben die Ligaturen ch (Z. 8), ff (Z. 6), fp (Z. 10), fch (Z. 11), ff (Z. 21),(Z. 12) und ft (Z. 9). Dabei fällt auf, daß das voranstehende f, das in ft und fchvoll entwickelt ist, bei der Verdoppelung und noch mehr bei der Verbindungmit p seine Oberlänge verkümmert oder fast einbüßt, wie ja auch das fin der Verdoppelung seine Haube mehr oder weniger verliert (Z. 9). Sehrdeutlich, wie es der ganzen Art des Schreibers entspricht, sind die Über-schreibungen ü (Z. 13), 6 (Z. 7), I (Z. 21), ö (Z. 16). Für ü ist regelmäßigü mit einem Strich geschrieben, dessen Richtung der des i-Striches wider-spricht; vgl. Tafel LV. Das i hat immer entweder einen Strich oder Punkt (Z. 8).Auch bei y begegnen Strich und Punkte; es kommt aber ganz ohne Vokalzeichenvor (Z. 27). Bei Worttrennung ist ein doppelter Bindestrich gesetzt (Z. 18);sie geschieht nicht immer nach Silben (Z. 18/19, 28/29). Satzzeichen fehlen ganz.

Der Text findet sich bei Dierauer Nr. 46, S. 47 f.