Druckschrift 
5 (1930) Deutsche Schrifttafeln aus Papierhandschriften des XIV. bis XVI. Jahrhunderts : mit einem Anh.: Gesamtverzeichnis für Bd. 1 - 5
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

TAFEL LXII.

PETRARCA'S GRISELDIS, DEUTSCH.

Cod. germ. 311 enthält nach sechs ungezählten Blättern, die zu einergenauen Inhaltsübersicht und danach von dem ersten Besitzer zurEintragung von allerhand Gebeten, Rezepten und Familienereignissenbenutzt worden sind, auf Bl. l ra62 das goldene Spiel von MeisterIngold, Bl. Ö2 rb142 rb das Ehebüchlein Albrechts von Eyb und alsdrittes, kürzestes Hauptstück Bl. 142 va161 tb dieEpistel FrancisciPetrarche von großer ftetigkeyt eyner frawen Gryfel geheyfßen" in derdeutschen Übersetzung, die Heinrich Steinhöwel zugeschrieben wird.Alle drei Stücke sind von einem Schreiber Jacobus Walck de buchem,der sich am Schlüsse der Handschrift selbst nennt, im Jahre 1474abgeschrieben worden nach den Drucken, die Günther Zainer ausReutlingen in den Jahren 1472 und 1471 in Augsburg hatte erscheinenlassen, und die öfters zusammengebunden und aus diesem äußer-lichen Grunde als ein zusammengehöriges Buch behandelt worden sind.Edward Schröder hat die Entstehung der Handschrift, nach der Mund-art des Schreibers, in die Gegend des Taubergrundes verlegt, zumaldie Eintragungen des ersten Besitzers zum Teil Angelegenheiten derTaubergegend, in der auch Buchen liegt, berühren". Die Orte aber, diein diesen Eintragungen genannt werden, sind Niklashausen, Würzburg,Regensburg und Cham, liegen also im wesentlichen recht weit östlich

der Tauber; das westlich davon auch nicht nahe im Badischen ge-legene Buchen kommt überhaupt kaum in Frage, da Walck, wie unsereTafel zeigt, gar nicht de buchen, sondern de buchem geschrieben hat.Es dürfte also wohl der kleine Ort Buchheim in Mittelfranken, nörd-lich Burgbernheim, gemeint sein, der von dem oberen Taubertal nichtallzuweit abliegt.

Der erste Besitzer, dessen Einträge von 1476 bis 1526 reichen,hat sich nicht genannt; ein Schwiegersohn von ihm war LorenzZaffinger, Bürger zu Cham. Über die Schicksale der Handschrift, bissie spätestens im XVIII. Jahrhundert in die Hofbibliothek zu Münchengelangte, fehlen sichere Anhaltspunkte.

Vgl. Decameron des Heinrich Steinhöwel, herausgegeben von Adel-bert von Keller (= Bibliothek des Litterarischen Vereins in Stuttgart.Bd. LI). 1860, S. 685. Das goldene Spiel von Meister Ingold, heraus-gegeben von Edward Schröder (= Elsässische Litteraturdenkmäler ausdem XIV.XVII. Jahrhundert. Bd. III). 1882, S. VI. Deutsche Schriftendes Albrecht von Eyb, herausgegeben und eingeleitet von MaxHerrmann. I. Bd.: Das Ehebüchlein (= Schriften zur germanischenPhilologie. Heft IV). 1890, S. XVIIIf.

Die Schrift des Codex, dessen letzte Seite (Blatt 161 r ) wir vorlegen, istgleichmäßig klar und sauber, in ihrer Haltung gerade und aufrecht beiden Oberlängen, dagegen schräg von links nach rechts bei den mittlerenBuchstaben. Sie hat den Charakter einer deutlichen und stattlichen Buchschrift,verbindet damit aber in Schleifenbildung und Buchstabenverbindung kursiveElemente, die sich jedoch nicht entschieden durchsetzen. Die einzelnen Formensind im wesentlichen sehr einfach, klar und schmucklos. Die Oberlängenvon b, h, 1 sind überwiegend breit und gerade, teils mit (A, Z. 3. 8. 10), teilsohne Aufstrich davor (A, Z. 18. 3. 11); bei h und 1 gebraucht der Schreiberdaneben auch die kursive Schleifenbildung (A, Z. 1), doch in der Minderzahlder Fälle. Ebenso überwiegen beim d die glatten Formen (A, Z. 2) überdie Schlußschleife (A, Z. 4). Dagegen hat sich beim k der glatte Schaft nurvereinzelt behauptet (B, Z. 14); in der Regel ist er kräftig nach rechts um-gebogen (A, Z. 4), öfters bis zu einer völlig geschlossenen Schleife (A, Z. 10).Auch die Oberlängen des f und f sind meist mit einem Aufstrich ge-schrieben, der fast immer unmittelbar in die Haube des Buchstabens übergeht(A, Z. 1.6); selten fehlt er (B, Z. 17) oder ist etwas tiefer selbständig ange-setzt (B, Z. 3). Wenn f mit nachfolgendem t (A, Z. 10), o (A, Z. 15), ch (A.Z.24)verbunden oder verdoppelt ist (A, Z. 4), so verliert es völlig seine Oberlängeund seine Haube; es behauptet sich in seiner reinen Form nur, wenn esunverbunden bleibt (A, Z. 6), während beim f der Querstrich unbeschadetder Oberlänge der Verbindung dient (A, Z. 5). Die Unterlängen von f und fschließen breit und stumpf, nur vereinzelt laufen sie etwas spitzer zu (B, Z. 13).Der untere Bogen des h reicht meist gar nicht weit unter die Zeile; er ist oftleicht nach innen gebogen und etwas zugespitzt (A, Z. 1), oft aber auch breitund stämmig auf die Zeile gestellt (A, Z. 3) oder sogar mit einem leichtenAufstrich nach rechts umgebogen (A, Z. 8). Ähnlich verhält es sich beim z,das kaum unter die Zeile herabgezogen wird (A, Z. 3); es wirkt wie eineetwas verkümmerte 3, wenn es auch am Wortanfang (A, Z. 16) in seinemersten Teil breit ausgeführt ist. Ebenso wie beim z ist der Anfang des j(B, Z. 22) gestaltet, dessen Hauptstrich glatt mit einer geringen Verjüngungkräftig unter die Zeile heruntergezogen ist. Ausgeprägt ist auch die Unterlängebeim y, die in einem dünnen spitzen Strich entschieden nach links herunter-geht (A, Z. 4), und beim g, das einen breiten, ziemlich runden, meist offenenBogen bildet (A, Z. 1 gegen A, Z. 3).

Das c, dem t ähnlich, doch etwas mehr gebogen, kommt selbständig(A,Z. 11) und in Verbindung mit h (A, Z. 1) und k (A, Z. 12) vor. Wiebeim c, doch immer unterhalb der Spitze, ist beim t der Querbalken nichtdurchgezogen, sondern nur nach rechts angesetzt (A, Z. 5); er ist verschiedenin der Länge, aber immer nur ein dünner Haarstrich. Das e ist meist ge-schlossen geschrieben (A, Z. 2); doch fällt es manchmal in seine zwei Haupt-

striche ganz auseinander (A, Z. 4). Das i, teils mit, teils ohne i-Strich ge-schrieben (A, Z. 3. 4), wird durch das vorwiegende y sehr zurückgedrängt. Beim rist die Fahne nur ganz vereinzelt klar ausgebildet (B, Z. 9); meist ist an denschrägen Grundstrich nur ein entgegengesetzter Haarstrich aufwärts angefügt,der mit einer Verdickung abschließt (A, Z. 2). Öfters fehlt auch diese Verdickung(A, Z. 28), und manchmal ist der feste Grundstrich gebrochen (A, Z. 13).Beim runden s fällt auf, daß die untere Schleife nicht geschlossen und durcheinen selbständigen Strich etwas unter der Zeile angesetzt ist. Der Vokal usteht im Wortinnern regelmäßig, wird aber am Wortanfang durch v gegeben(A, Z. 4). Überschreibungen für Doppellaute fehlen; dafür hat sich bereitsder Doppelstrich über u durchgesetzt (A, Z. 23; B, Z. 3). Kürzungszeichensind nicht sehr häufig. Der gewöhnlichen Übung entspricht der einfacheStrich für ausgelassenes n (A, Z. 2); auffallend dagegen ist für ausgefallenes ehinter r (A, Z. 2) der Haken, der sonst r bezeichnet (A, Z. 3.) Die lateinischeKürzung für per (B, Z. 22) ist dem geübten Schreiber selbstverständlich.

Daß Jakob Walck ein geübter, sicherer Schreiber war, beweist die schöneGleichmäßigkeit der ganzen Handschrift, die sich bei großer Regelmäßig-keit der mittleren Buchstaben in ausgedehntem Maße feiner Bindestriche zumVerbinden der Buchstaben bedient. Nicht nur m, n, i (A, Z. 1), u (A, Z. 2),a (A, Z. 3), 1 (A, Z. 1), r (A Z. 4) bieten ihm hierfür zur Verbindung dereinzelnen Grundstriche und am Buchstabenende zwanglos gleichmäßige Auf-striche, er setzt solche auch oft unten an d (A, Z. 5), b (A, Z. 3 mit undohne Verbindung), v (A, Z. 12), w (A, Z. 2), wenn auch hier nicht regelmäßig.Dazu kommen die bequemen Verbindungen durch den Querstrich von f, g,k, t, sodaß sich im allgemeinen die Wörter sehr geschlossen darstellen. Dochfehlen die Zusammenschreibungen gerundeter Buchstaben, und nur das fgeht mit t (A, Z. 10), z (A, Z. 7), ch (A, Z. 24) eine so enge Verbindung ein,daß es nicht mehr selbständig wirkt. Im ganzen werden die Buchstaben docheinzeln klar ausgebildet, und es finden sich Wörter, deren sämtliche Buch-staben unverbunden einzeln stehen (A, Z. 19. 29), wie auch die gewöhnlichdie Verbindung aufnehmenden n und m am Wortende noch öfters ohnejeden Aufstrich mit festem Stamm schließen (A, Z. 8). Bei Worttrennungist manchmal einfacher (A, Z. 26) oder doppelter (A, Z. 15), manchmal aberauch gar kein Bindestrich gesetzt (A, Z. 3). Satzzeichen fehlen ganz.

Der Schmuck der Handschrift ist sehr bescheiden. Nur sparsam sind sehreinfache Majuskeln am Satzanfang verwendet, meist durch einen roten Zier-strich hervorgehoben (A, Z. 9. 30; B, Z. 5), der nur ausnahmsweise vergessenist (A, Z. 18). Rot ist sodann die ganze Schlußschrift (B, Z. 824) ge-schrieben; ihr sauberer und hübscher Eindruck wird leider beeinträchtigtdurch allerhand schwarze Zierstriche, die von späterer Hand ungeschickthineingesetzt worden sind.