Druckschrift 
5 (1930) Deutsche Schrifttafeln aus Papierhandschriften des XIV. bis XVI. Jahrhunderts : mit einem Anh.: Gesamtverzeichnis für Bd. 1 - 5
Entstehung
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TAFEL LX.

ULRICH BONER, DER EDELSTEIN.

Cod. germ. 576 (=Cod. lat. 212Q9), eine Handschrift desXV. Jahrhunderts, enthält die aus der Mitte des XIV. Jahrhundertsstammende Sammlung von 100 äsopischen Fabeln in deutschen Versenmit dem TitelDer Edelstein". Der Verfasser dieser nach lateinischenVorlagen bearbeiteten Auswahl ist Ulrich Boner, ein Dominikaner,der, einer Berner Familie angehörend, von 13241349 urkundlich dortnachweisbar ist.

Die Handschrift ist am Anfang und am Ende unvollständig;sie gehört zu Franz Pfeiffers dritter Handschriftengruppe, der eine ab-weichende Ordnung der ersten 11 Fabeln und das Fehlen von 16 Fabelnund der Schlußrede gemeinsam ist. Die Handschrift war im Besitz

des Stiftes Wengen in Ulm und zeigt auf der Innenseite des Vorder-deckels das Exlibris des Abtes Nikolaus I. Nach der Säkularisationkam sie in den Besitz der K. Zentralbibliothek in München.

Erwähnt und benützt wurde die Handschrift zuerst von FranzPfeiffer im Jahre 1844.

Vgl. Der Edelstein von Ulrich Boner, herausgegeben von FranzPfeiffer (= Dichtungen des deutschen Mittelalters. IV). 1844, S. 187.Karl Goedeke, Deutsche Dichtung im Mittelalter. 1854, S. 654. PaulsGrundriß 2 . III, S. 322. Zu den Bildern: Ernst Wilhelm Bredt,Der Handschriftenschmuck Augsburgs im XV. Jahrhundert (= Studienzur deutschen Kunstgeschichte. XXV). 1900, S. 18.

Gotische Buchschrift des XV. Jahrhunderts. Im ganzen klar, ist siedoch unschön und ungleichmäßig in der Form. Die Oberlängen, deren Schäfteglatt sind, treten, wenngleich, außer bei f und f, an sich nicht schlecht ausge-bildet, gegen die Unterlängen etwas zurück. Diese sind stärker entwickelt undgehen weit unter die Zeile, nicht selten bis in die nächste Zeile hinein-, f(Z. 9), h (Z. 1), p (Z. 18), f (ZA). Die starken, nicht selten überkräftigen Grund-striche entbehren der gleichheitlichen Stärke und Richtung. Der Eindruck derStärke wird noch betont durch das unvermittelte Abbrechen an der Zeile bei c(Z. 2), m (Z. 4), n (Z. 5), t (Z. 1). So sind die Grundstriche das vorherrschendeElement, um so mehr als die Haarstriche gleichzeitig fast ganz zurücktreten.Nicht nur, daß sie als Zierstriche nicht vorkommen, bei nicht wenigen Buchstabensind sie mehr nur angedeutet als wirklich ausgezogen; so bei b (Z. 9), d(Z. 15), e (Z. 8), p (Z. 18), r (Z. 6). Auch die Verbindung innerhalb der Worteist vielfach mangelhaft und fehlt häufig ganz. Dem entspricht die geringePflege der Wilhelm Meyerschen Regeln über die Buchstabenverbindungen.Es begegnen gelegentlich ausgebildete Zusammenschreibungen wie de (Z. 6)oder vo (Z. 18), aber in der weit überwiegenden Zahl der Fälle unterbleibtdie Verbindung: be (Z. 6), bo (Z. 9), de (Z. 8), do (Z. 2), ve (Z. 1) usw. Auchim Gebrauch des gekrümmten i hält sich der Schreiber nur sehr teilweisean die Regel. Er setzt es regelmäßig nur nach p (Z. 1. 4. 10. 20); nach efindet es sich im Wechsel mit geradem r (Z. 6 gegen 8), außerdem einmalnach u (Z. 16). Die alte Verbindung ft ist nicht nur beibehalten, sondernnach ihrem Muster sind wohl die dem Schreiber sehr geläufigen, weiterenZusammenschreibungen fc (Z. 3), fp (Z. 1) und ft (Z. 12) gebildet. Hier ist auchauf fz (Z. 3), dessen ursprüngliche Form in der Verbindung stärker verändertworden ist, hinzuweisen und auf die Doppelbuchstaben ff (Z. 12) und ff (Z. 11).

Das a hat durchweg die alte, kleine Form. Das c lehnt sich mehr oderweniger eng an h an (Z. 2); manchmal ist es t sehr ähnlich (Z. 3). Das e sitzt mit-unter sehr breit auf der Zeile auf (Z. 1). Von d begegnet nur die runde Form.Der untere Bogen des g ist nicht geschlossen. Statt des gewöhnlichen i findetsich nicht selten am Anfang der Wörter ein unter die Zeile reichendes j (Z. 3)oder im Wortinnern für langes i auch y (Z. 2). Der i-Punkt, ohne Regel gesetzt,fehlt in der Mehrzahl der Fälle. Der Doppelhaken des k sitzt meist ziemlichhoch über der Zeile (Z. 3). Der Grundstrich des geraden r ist gerne etwas nachlinks geneigt und unten nach rechts aufgebogen (Z. 8). Der Gebrauch von f unds ist in der üblichen Weise geschieden. Das letztere ist B- oder 8-förmig (Z. 11und 4). Der Querstrich des t ist rechts angesetzt und dünn. Am Beginnder Worte steht v, im Innern u. Das z ist 3-förmig.

Von Überschreibungen mit teilweise recht unklaren Formen kommenvor I (Z. 17), 6 (Z. 7), fl (Z. 16), ü (Z. 4). Kürzungen sind nicht ange-wendet, desgleichen keinerlei Satzzeichen. Zu Anfang der Verszeilen stehen rot-gestrichelte Buchstaben, meist Majuskeln, die aber zum großen Teil der eigenenForm entbehren und vielfach nur etwas vergrößerte Minuskeln sind. Die InitialenE I am Beginn der Fabel sind rot. Die kaum sichtbaren Zeilen und Seitenliniensind mit dem Griffel eingedrückt. Am rechten Rand der Seite (Blatt 13 v ) ent-lang hat etwas Rot des nächsten Blattes durchgeschlagen. Die Schrift scheintvon der anderen Seite des Blattes durch, besonders eine Initiale rechts oben.

Die leichtverständliche bildliche Darstellung ist mit der Feder ge-zeichnet, das Haus zum größeren Teil mit ganz hellem Rot leicht getönt.

Die Fabel hat, wie mit Bleistift am linken Rande von modernerHand neben der ersten Zeile steht, in der Sammlung die Nummer 15. DerText, Vers 121, findet sich in der Ausgabe von Pfeiffer auf S. 23.