TAFEL LIX.
HUGO VON TRIMBERG, DER RENNER.
Cod. germ. 307 enthält das große Lehr- und Sittengedicht „DerRenner", das Hugo von Trimberg, Magister und Rektor an dem Kollegiat-stift in der Teuerstadt vor Bamberg, im Jahre 1296 begann und 1300vollendete, aber noch bis zum Jahre 1313 durch Zusätze erweiterte. DieHandschrift gehört nach Ehrismanns Einteilung von Vers 1— rund 9500zu der zweiten, von da ab zur ersten Gruppe der Textüberlieferung. Sieist im Jahre 1430 von Georg Vogelsteiner, einem Geistlichen in Ober-traubling bei Stadt am Hof in der Oberpfalz, geschrieben und nach derSchlußschrift am Mittwoch, den 19. Juli, fertiggeworden; der erwähnteMaria Magdalenentag ist der 22. Juli. Später gehörte sie der HerzoginSabina von Württemberg, geb. Herzogin von Bayern (1492—1564), ausderen Bibliothek sie in die fürstliche Liberei auf Hohentübingen über-ging. Mit dem besten und größten Teil dieser reichen Büchersammlungwurde sie im Dreißigjährigen Krieg, im Jahre 1635, nach Bayern entführtund der kurfürstlichen Bibliothek in München einverleibt.
Das Papier hat dasselbe Wasserzeichen, das bei Briquet, LesFiligranes, im IV. Bande (1907) unter Nr. 14754 abgebildet ist.
Der erste Hinweis auf die Handschrift rührt von I. Hardther (1796).
Vgl. Ignaz Hardt im Bragur. IV, 2 1796, S. 186; ferner die Aus-gaben des Renner vom Historischen Vereine zu Bamberg. I. Heft. 1833,8. S, Nr. 9, und von Gustav Ehrismann (= Bibliothek des LiterarischenVereins zu Stuttgart. Bd. 247, 248, 252, 256). Bd. IV 1911, S. 28f.,Nr. 2. — Carolus Janicke, Quaestionis de vita et scriptis HugonisTrimbergensis specimen. 1856, S. 9, Nr. 7. — E. I. Wölfel in der Zeit-schrift für deutsches Altertum. XXVIII 1884, S. 175, Nr. 6. — GustavEhrismann in der Germania. XXX 1885, S. 137—141. — Rudolf Roth,Die fürstliche Liberei auf Hohentübingen und ihre Entführung imJahre 1635 (= Tübinger Dr. phil. - Verzeichnis. 1888), S. 28, 29.
Die Schrift des Georg Vogelsteiner, die manche Ähnlichkeit mitTafel LVIII aufweist, nähert sich in hohem Maße einer ausgeprägten Kursive.Wenn auch noch die gerade steile Buchstabenstellung der gotischen Buch-schrift vorherrscht, so erscheint doch bei den langen Buchstaben f und f eineunverkennbare Neigung zu einer Schrägstellung (Z. 2. 3), und dieser Eindruckwird noch verstärkt durch die vielen schrägen Haarstriche, durch die derSchreiber die Grundstriche von n, m, u verbindet und mit denen er nichtnur in der gewohnten Weise die i, n, m, u, 1 mit dem folgenden Buchstabenverknüpft oder manchmal am Ende abschließt, sondern sie auch beginnt (Z. 1.2),eine Übung, die er auch auf I (Z. 7), f (Z. 29), g (Z. 9), h (Z. 19), b (Z. 11),p (Z. 2), t (Z. 1) überträgt Die zwanglose Buchstabenverbindung durch dieseleichten Haarstriche trägt wesentlich zu dem kursiven Eindruck der Schriftbei. Die Ober- und Unterlängen sind entschieden ausgeprägt. Die Oberlängenbei b, 1, d (Z. 1) und h (Z. 2) sind zu vollständigen Schleifen geworden,was bei f und k nicht immer durchgeführt ist (Z. 30 und 10 gegen 21 und11). Bei den Unterlängen fehlt diese Schleifenbildung, selbst g ist unten meistoffen (Z. 1); h (Z. 2) und z (Z. 20) sind nicht so kräftig in die Länge ge-zogen wie p und f (Z. 2), f (Z. 3) und auch q (Z. 14), y (Z. 4) und I (Z. 22).
Wenn auch bei der Schleifenbildung und in den bescheidenen gelegent-lichen Zierstrichen am Ende von n (Z. 1), h und y (Z. 24) eine gewandteRundung der Linien eintritt, so bleibt doch im ganzen der eckige und spitzigeCharakter der gotischen Schrift vorherrschend. Nicht nur alle Buchstabenmit i-Strichen sind immer scharf und eckig ausgeführt, auch sonst rundeBuchstaben wie d (Z. 3), v (Z. 4), h (Z. 8), k, b (Z. 11), 1 (Z. 21) sind manch-mal, wenn auch durchaus nicht immer, im Bogen oder der Schleife eckigabgebrochen. Diese Neigung zu gebrochener Form führt bei dem meist ein-fachen r (Z. 2) zu einer dem i sich etwas nähernden Form (Z. 3.4), welch letzteresunzweifelhaft nur in der Schlußschrift (Z. 35) angewendet ist. Etwas öfter alsdiese seltene Form begegnet eine andere, die fast vollkommen dem späteren v derdeutschen Schreibschrift entspricht (Z. 3. 14. 15). Der Grundstrich ist dabeigebrochen, die Fahne zu einer Schleife eingebogen. Die Meyersche Regelüber den Gebrauch des z kennt Vogelsteiner ebensowenig wie die über diegotischen Buchstabenverbindungen. Wohl sind gelegentlich pa (Z. 4), va (Z. 5),ba (Z. 9), wa (Z. 12) u. a. so nahe aneinandergerückt, daß sie sich berühren,und bei de (Z. 6) und da (Z. 9) ist das sogar die Regel; aber solches Zu-sammenrücken übt der Schreiber bei seinem runden d auch ohne jedeRücksicht auf Bogenformen und gewinnt so ohne weiteres auch die Ver-bindung mit n (Z. 5), r (Z. 8) oder i (Z. 9). Auch die Verbindung durchden Querstrich bei t (Z. 2), g (Z. 5), k (Z. 11), f (Z. 2) läßt er sich natürlichnicht entgehen, während das e, das geschlossen und offen (Z. 6) vorkommt,da es seine alte Zunge verloren hat, nur schwer mit dem folgenden Buch-staben zu verbinden ist (Z. 5). Nicht ganz selten wird hierzu der zweite Zugbenützt und dabei aufgebogen (Z. 4). Das a ist nicht mehr doppelbogig,sondern einfach, aber oben geschlossen (Z. 1). Beim g ist öfters (Z. 1 gegen 3)
der zweite Grundstrich nach oben verlängert, wie auf Tafel LVIH;die obere Fahne ist als vollkommener Querstrich durchgezogen (Z. 9),während beim t der Querbalken im wesentlichen nur rechts angesetzt ist.Das c, das manchmal dem t sehr ähnelt (Z. 16), kommt nur in den Ver-bindungen ch (Z.2) und ck (Z. 11) vor; sein oberer Querstrich geht dabei un-mittelbar in die Schleife des h über und tritt dadurch einigermaßen zurück,während das t gerade in der Ligatur ft (Z. 15) besonders klar ausgebildetist. Ganz die deutliche eckige Gestalt der gotischen Buchschrift hat das pbehalten (Z. 22). Das v ist gerne durch Brechung verziert (Z. 16 gegen 25),während das w immer einfach bleibt (Z. 6). Als Vokal steht v nur im An-laut (Z. 3), im Wortinnern immer u (Z.2); als Konsonant dagegen wechselnu und v ohne Regel (Z. 8). Auch für den Wechsel von i und y ist nur dieRegel erkennbar, daß am Wortende, namentlich in ey, y geschrieben wird(Z. 7. 11), im Wortinnern dagegen meistens i und ei (Z.2. 7; daneben aberauch fyn Z. 24). Auch konsonantisch wird y abwechselnd mit I gebraucht(Z. 23. 22), beides aber auch für langes i im Pronomen (Z. 1.4). Jedenfallshat Vogelsteiner eine gewisse Vorliebe für y, das er mit (Z. 29) und ohne(Z. 4) Vokalzeichen darüber schreibt. Auch i kommt gelegentlich ohne Punkt(Z. 5) oder mit Strich darüber (Z. 25) vor; anderseits sind manchmal über-flüssige Punkte gesetzt (Z. 8. 16), offenbar nur als Vokalzeichen, wie ebenüberhaupt die alten Überschreibungen u (Z. 1) und V (Z. 4) nur selten nochihre ursprüngliche Form erkennen lassen und überwiegend völlig in bloßePunkte oder Striche (Z. 10) übergegangen sind. Kürzungen sind nicht selten,aber nur die üblichen für er (Z. 3) und für weggelassenes e vor n (Z. 5),wobei der wagrechte Kürzungsstrich gelegentlich eine gefällig gebogene Form(Z. 30) erhalten hat; in der lateinischen Schlußschrift sind die Kürzungenhäufiger. Satzzeichen fehlen vollkommen.
Auf ein gefälliges Schriftbild und seine Verzierung ist mit einfachenMitteln, aber geschickt, Bedacht genommen. Die Linien, die den Schriftspiegelumrahmen, sind bis an den Blattrand gezogen, auch die Schlußschrift durchrote Unterstreichung hervorgehoben, während sonst keine Linien zu sehensind. Die Zeilen sind aber sehr gleichmäßig in ihren Abständen; die Vers-zeilen sind abgesetzt, die Schrift der Rückseite scheint durch. Die Anfangs-buchstaben der Verszeilen sind oft rot gestrichelt und groß geschrieben, auchin der Schlußschrift ist mit rot gestrichelten Majuskeln (E, C, T / G, S, A /Q, T / M, M / S, O, T) und roten Zierstrichen nicht gespart. Die Majuskelnsind im wesentlichen nur vergrößerte Minuskeln von meist klarer Form, undnur das E (Z. 13), das dem G (Z. 10) recht ähnlich ist, das T (Z. 27) und dasW (Z. 18), das sich auch einmal in die Zeile (Z. 5) hinein verirrt hat, deutetauf die weitere Entwicklung zu schwer lesbaren Versalien. Am Rande linkshat der Schreiber, der keinen Absatz in der fortlaufenden Schrift gemacht hat,kleine Kapitelzeichen gesetzt; auch die Blattzahl 246 ist von seiner Hand.
Der Text entspricht Vers 24581—24610 in der Ausgabe vonEhrismann. Die Schlußschrift findet sich ebendort Bd. IV, S. 29.