TAFEL LVII.
LEKTIONAR DER PERIKOPEN.
Cod. gertn. 532 enthält nach einem Kalendarium auf Bl. l r —6 Veine deutsche Evangelienharmonie auf Bl. 7 V - 83 r und ein Lektionarder alt- und neutestamentlichen Perikopen auf Bl. 84 r — 139 r . Die Schriftdieser drei Teile ist verschieden: das Kalendarium, das auf die DiözeseRegensburg als Entstehungsort der Handschrift hinweist, hat einenganz anderen, mehr verzierten Schriftcharakter als die folgenden Texte,von denen der erste, die Evangelienharmonie, ebenfalls sehr sorgfältig,aber viel breiter und schlichter geschrieben ist. Dieser Hauptteil istauf Bl. 83 r datiert vom St. Michaelsabend 1367. Das Lektionar ist nachdem Schlußvermerk auf Bl. 139 r zwei Jahre später, am 11. September 1369,abgeschlossen worden; es ist viel weniger schön und sorgfältig ge-schrieben, zeigt aber trotzdem in der Einrichtung des Schriftbildes, demSchriftcharakter und den Buchstabenformen so viel Übereinstimmungenmit dem vorangehenden Teil, daß man wohl nicht nur dieselbe Schreib-stube, sondern denselben Schreiber annehmen darf; er hat freilich dies-mal nicht so liebevoll gearbeitet wie zwei Jahre vorher, wie z. B. diekursive Schleifenbildung bei d und h entschieden häufiger angewandtist und die größere Flüchtigkeit verrät.
Über die Evangelienharmonie der Handschrift liegen mehrfacheUntersuchungen vor, die ihre Abhängigkeit von der niederländischen
Tatian-Übersetzung auf dem Umweg über eine alemannische Abschriftin der Zürcher Stadtbibliothek (Hs. C. 170 App. 56) außer Frage er-scheinen lassen; doch ist ihr selbständiger Wert verschieden beurteiltworden. Die erste nähere Würdigung gab Wilhelm Walther (1889).Vgl. Wilhelm Walther, Die deutsche Bibelübersetzung des Mittel-alters. 1889, Sp. 493f. — Anton E. Schönbach in der Zeitschrift fürdeutsches Altertum. XXXVI 1892 S. 233f.; derselbe, Mitteilungen ausaltdeutschen Handschriften. VI (= Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Klasse der Akademie der Wissenschaften in Wien. CXXXVII1898, 5. Abhandlung), S. 54ff.; derselbe, Miscellen aus Grazer Hand-schriften. 4. Reihe (= Mitteilungen des historischen Vereins für Steier-mark. L 1903), S. 72—88; derselbe im Allgemeinen Literaturblatt. XIII1904, Sp. 14—16. — Theodor Zahn in der Neuen kirchlichen Zeitschrift.V 1894, S. 107ff.; derselbe in der Realencyklopädie für protestantischeTheologie und Kirche. V1898, S. 658f. — Adolf Matthias, Untersuch-ungen über die deutsche Übersetzung des alten Testaments in derMünchener Handschrift Cgm. 341. Greifswalder Dissertation. 1902,S. 7ff., 74ff. — M. E. Erich Ronneburger, Untersuchungen über diedeutsche Evangelienharmonie der Münchener Handschrift Cgm. 532.Greifswalder Dissertation. 1903.
Die gerade und feste Buchschrift des Kodex bezeugt einen gewandtenund sicheren Schreiber, der aber flüchtig seine Vorlage abgeschrieben hat,ohne dem Sinn die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Er hat sich dahermehrfach verlesen und den Text entstellt, z.B. B, Z. 13. 14. 23. 26—29. Inder klaren Ausbildung der Buchstaben dagegen tritt die Eile des Schreibersnicht in die Erscheinung, es sei denn in den zahlreichen Kürzungen, dementschiedenen Eindringen von Schleifenbildung neben vorwiegend älteren Buch-stabenformen und in den reichlichen Überschreitungen des vorgezeichnetenRahmens. Das Blatt ist monumental angelegt in zwei Spalten, deren ab-grenzende Tintenlinien bis zum Blattrand verlängert sind. Innerhalb der Spaltensind keine Linien gezogen. Infolgedessen verschieben sich in der unteren Hälfteder Seite die Zeilen gegeneinander und die rechte Spalte hat schließlich eineZeile mehr als die linke. Der Schmuck der Handschrift beschränkt sich aufrote Ausführung der Überschriften und Anfangsbuchstaben der Perikopen(A, Z. 6. 18/19; B, Z. 2. 20; A, Z. 7/8. 20/21; B, Z. 3/4. 20/21); dazu kommennoch einige rote Zierpunkte und -striche, die immer zu dreien zusammen-stehen (B, Z. 2. 35/36. 40). Weitere Verzierungen fehlen.
Auch in den einzelnen Buchstabenformen fehlen Zierstriche fast ganz;breit und fest sind die alten Grundformen ohne weitere gotische Schnörkelhingestellt, mit scharfen Ecken und Kanten, die aber vielfach durch leichteRundung gemildert sind. An den Oberlängen von b, h, k, 1, die immer kräftigausgeprägt sind, ist öfters ein feiner Aufstrich (A, Z. 5. 22. 13.5), öfters aucheine feine Gabelung (A, Z. 12. 10. 25) oder auch beides angebracht; aucham t (A, Z. 4) findet sich öfters, wie immer am i, m, n, der feine Aufstrich,der auch bei der Haube des f (A, Z. 5) und f (B, Z. 1) manchmal, dochdurchaus nicht immer, auftaucht. Damit sind aber die leichten Haarstricheder Schrift erschöpft, und sehr oft sind die bezeichneten Oberlängen ganzkahl u.id glatt (A, Z. 31. 14. 1). Bisweilen stellt sich auch eine Umbiegungam oberen Ende nach rechts ein (A, Z. 1; B, Z. 21), die in der kursiven Fortent-wicklung zu geschlossenen Schleifen führt (B, Z. 37. 38; A, Z. 1. 23). Aber nur beid hat sich diese schon überwiegend durchgesetzt (A, Z. 1 gegen 9); im übrigenherrscht trotz aller Abstufungen und Schwankungen die alte Buchschrift vor.
Auch die Unterlängen sind sehr entschieden ausgebildet, bei f undf lang, gerade und etwas spitz zulaufend, ebenso bei p, das aber manch-mal auch ohne Spitze oder schräg abgeschnitten abschließt (A, Z. 24; B, Z. 5;A, Z. 7). Auch die Unterlänge des h nähert sich oft gerade und spitzigdiesen Formen (A, Z. 10); öfter freilich ist sie mit mehr oder minder leichterBiegung (A, Z. 1) oder eckig (A, Z. 15) nach links umgebogen. Noch ent-schiedener regelmäßig ist dies beim z der Fall. Dabei ist die Unterlängedes h mit dem Hauptschaft vielfach gar nicht (A, Z. 1) oder nur durch einenAufstrich in halber Höhe (A, Z. 16) verbunden; vgl. Tafel LH. Die Unter-länge des x (A.Z. 7) und y (A, Z. 13) besteht aus einem dünnen Strich,der nach links herabgezogen und am Ende etwas nach rechts aufgebogen
ist; sie ist wesentlich länger als die des vollständig geschlossenen g, diekaum unter die Zeile herabgeht (A, Z. 2).
Die einzelnen Buchstaben setzen sich mehr aus breiten, als feinenStrichen zusammen, was z. B. dem g ein ganz kantiges Ansehen gibt (A, Z. 3);ihm ähnelt das s, dem nur die kräftige Zunge des g fehlt (A, Z. 7). Auchbeim e ist die Zusammensetzung aus zwei selbständigen Grundstrichen deutlicherkennbar, wenn es nach links oben offen bleibt (A, Z. 24 in er); meist istes freilich ganz geschlossen und gerundet. Das r ist gewöhnlich etwas aus-einandergezogen, seine Fahne ein breiter Querstrich (A, Z. 1); vereinzelt istes sorgfältiger ausgeführt (B, Z. 33). Der Querbalken des t ist ziemlich dicketwas unterhalb der Spitze nach rechts angesetzt, ohne den Schaft zu durch-schneiden (A, Z. 1). Beim a ist der obere Bogen im Verschwinden; er ist ganzselten geschlossen, dagegen ist der den Stamm durchschneidende Querstrichsehr betont (A, Z. 2. 5). Solche Querstriche, die er breit und kräftig ausführt —bei a, c, g, k, r, t —, macht der Schreiber auch zu Trägern der Buchstaben-verbindung (A, Z. 1. 3. 9), der auch die leichten Anstriche — bei i, m, n manch-mal ganz kursiv (A, Z. 1 gegen 4) — dienen. Hinzuweisen ist auch auf dieVerbindungen eh (A, Z. 3), eb (A, Z. 11), ei (A, Z. 25.31), rl (A.Z. 26), al(A, Z. 22; B, Z. 35). Trotzdem bleiben aber vielfach die Buchstaben unverbunden.Die alte Ligatur ft (A, Z. 11) ist in einer Form erhalten, die ihre beiden Teileklar erkennen läßt; dabei erhält das t eine ausgeprägte Oberlänge. Weiterbegegnen je einmal die alten Ligaturen ae (A, Z. 39) und pp (A, Z. 6). Be-merkenswert ist, daß in der Verbindung ch das h fast immer eine Schleifezeigt, also wohl in einem Zug mit dem c geschrieben ist. Nur in 4 von36 Fällen fehlt die Schleife; bei 3 von ihnen steht über dem c ein hoch-gestellter Buchstabe (A, Z. 9; B, Z. 3. 26), der vielleicht das Absetzen bedingte.Von der alten Ligatur et (B, Z. 20) ist nur noch die Oberlänge des t ge-blieben. Von der Zusammenschreibung gerundeter Buchstaben macht er garkeinen Gebrauch, mit einziger Ausnahme von de (A, Z. 8 gegen 30); auchrundes z statt des geraden r wendet er nur A, Z. 7 und B, Z. 20 an. Dagegenbenützt er vielfach die üblichen Kürzungszeichen, wobei er dem überge-setzten Strich ganz verschiedene Länge gibt (A, Z. 5 gegen 34) und auch denHaken für er verschieden ausführt (A, Z. 38); auch die Hochstellung desVokals für nicht geschriebenes r ist ihm geläufig (A, Z. 9; B, Z. 3). Bei denÜberschreibungen 6 (A, Z. 1), v (A, Z. 4) und u (A, Z. 7) ist das überge-schriebene e sehr deutlich und langgezogen. Beim i wechselt die Schreibungohne (A, Z. 2) und mit i-Punkt (A, Z. 8) und mit Strich (A, Z. 1), der auchüber y gesetzt ist (A, Z. 13). Bei Worttrennung, die in manchen Fällen demheutigen Gebrauch widersprechend durchgeführt ist (B, Z. 6. 7. 28), wird inder Regel ein doppelter Bindestrich gesetzt (A, Z. 7 gegen 34). Satzzeichenfehlen mit Ausnahme von einfachem (A, Z. 18) oder dreifachem Punkt (A, Z. 6;B, Z. 2) am Schluß eines Absatzes.
Die abgebildete Seite ist Bl. 139 r .