TAFEL LVI.
DER RITTER MIT DEN NÜSSEN.
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Cod. germ. 717 enthält, wiewohl allem Anschein nach nur voneiner Hand geschrieben, die allerverschiedensten Texte in bunter Reihen-folge: Gebete und mystische Traktate, deutsche Bibeltexte und dendeutschen Cato, geistliche und weltliche Lieder, gereimte Legenden undSchwanke, unter den letzteren auf Bl. 96 v —98 r den „Ritter mit denNüssen", der in Friedrich Heinrich von der Hagens „Gesamtabenteuer"(1850) im 2. Band, S. 273, als Nr. 39 gedruckt ist. Über die Herkunftder Handschrift besitzen wir kein Zeugnis. Doch ist in dem aus Augs-burg stammenden, von verschiedenen Händen geschriebenen Cod.germ. 574 auch die Hand des Cod. germ. 717 vertreten, und dazu paßtauch die schwäbische, nur wenig bayerische Färbung verratende Mundartin beiden Handschriften. Wir dürfen also mit hoher WahrscheinlichkeitAugsburg als ihren gemeinsamen Ursprungsort ansehen. Als Entstehungs-jahr erscheint 1348 gesichert. Der Schreiber hat nämlich mehrmals amBlattrande den Kalendertag vermerkt und dazu einmal, auf Bl. 44 r , auchdie Jahreszahl gesetzt: Die beati Ambrosii Anno domini MCCC°XLVII1°.Die auffallend wechselnden Wasserzeichen des Papiers geben keineweiteren Aufschlüsse. Am Anfang und am Ende der Handschrift fehlenBlätter, einzelne auch im Innern; sie war sichtlich längere Zeit unge-bunden und zeigt starke Gebrauchsspuren und Flecken.
Zuerst hat Docen aus der Handschrift Mitteilungen gemacht(1806); danach hat sie entsprechend der großen Mannigfaltigkeit ihresInhaltes eine so häufige Benützung erfahren, daß wir nur die wichtigstenBelege dafür aus der Literatur anführen.
Die Schrift, die Zarncke als eine „Notariatshand" bezeichnet, istziemlich nahe verwandt unseren Tafeln L1II und LIV, und zeigt wie diese dieausgeprägten Oberlängen und spitz zulaufenden Unterlängen der Urkunden-schrift; vgl. auch die Unterschriften auf Tafel VIII und XLVI. Die Richtungder Buchstaben ist sehr steil und gerade; doch sind die Unterlängen von hund z in gefälliger Rundung nach rechts umgebogen, während die von f,f und p unten dünn und gerade auslaufen. Bei den Oberlängen von b, d,h, k, 1 zeigt sich nicht selten eine Neigung zur Schleifenbildung (A, Z. 5. 6. 8).Häufig aber findet sich auch nur ein schleifenähnlicher Anstrich (A, Z. 17.13. 20). Die große, fette Fahne, die das f und f krönt, entwickelt sich gelegentlichdünn auslaufend auch zu einer Schleife (B, Z. 6). Die Form dieser spitz auf-gesetzten, breit betonten Fahne ist von den f und f auch auf die Oberlängen vonb, I, h, (A, Z. 5), k (A, Z. 7), ja sogar von t in tt (A, Z. 3) übergegangen, auchin diesen Fällen nicht selten als schleifenähnliche Umbiegung offen bleibend.Die geschwungene Bogenlinie an den Unterlängen von h und z dagegen hatauf die Zierstriche gewirkt, mit denen vielfach am Wortanfang v, w (A, Z. 8),n (A, Z. 14), m (B, Z. 2), i (B, Z. 3), r (A, Z. 19) und R (B, Z. 12) beginnen oderseltener n (A, Z. 3) und m (A, Z. 8) am Wortende und Zeilenschluß verlängertsind. Durch diese beiden, an den verschiedensten Buchstaben immer wieder-kehrenden Grundformen erhält das ganze Schriftbild ein sehr ausgesprochenesund einheitliches Gepräge.
Im einzelnen ist die Gestaltung der Buchstaben nicht sehr sorgfältig,sondern etwas flüchtig und gelegentlich unbestimmt, wozu auch die Be-schaffenheit des Papiers beigetragen hat, da die Tinte darauf vielfach starkgeflossen ist. Das a ist doppelbogig, mitunter aber oben nicht geschlossen(A, Z. 14) und, obwohl sonst größer als die anderen Minuskeln, manchmalso zusammengeschrumpft (B, Z. 17), daß es sich kaum von s (B, Z. 18) unter-scheidet. Auch das g, das immer fast ohne Unterlänge in der Zeile steht,hat oft eine recht nahekommende Form (B, Z. 18), die sich in der Regel nurdurch die kleine Fahne etwas davon abhebt (A, Z. 1.2). Das d ist immerzur Schleife zurückgebogen. Die Zunge des e dient meist der Verbindung mitdem folgenden Buchstaben, am Wort- oder Zeilenende ist sie gelegentlichauch ganz kräftig ausgebildet (B, Z. 22). Das k setzt seine bezeichnende Fahneunterhalb der großen, dem 1 entsprechenden Schleife an (A, Z. 2). Über iist meist — nach Oberlängen mit Schleifen oder Fahnen gerne nicht — einPunkt oder, seltener, ein Strich gesetzt (A, Z. 2; B, Z. 8. 9). Die i, n und mhaben am Ende keinen Aufstrich, ja, er fehlt ausnahmsweise sogar gelegent-lich vorne (B, Z. 9). Seine r gestaltet der Schreiber sehr verschieden, ge-wöhnlich mit einem sehr einfachen Haken (A, Z. 1), dem nur ganz selten einZierschleifchen angehängt wird (A, Z. 12); manchmal läßt er die Fahne fastbis zum bloßen Punkt zusammenschrumpfen (A, Z. 17) oder den Buchstabenganz in zwei Teile auseinanderfallen (A, Z. 1). Hinter o setzt er regelmäßig 2(A, Z. 20), das er sonst nicht verwendet. Das f zeigt nicht selten einenAnstrich in Form eines kleinen ganzen oder halben Kreises oder Doppelstrichs(A, Z. 5. 21; B, Z. 2. 3.4. 10. 12); es wird nur am Anfang und im Innernder Wörter gebraucht, am Schluß dagegen nur s. Sehr wenig ausgeprägt istdie Form des t, das selbst am Wortende manchmal ganz wie c aussieht (A,
Vgl. Bernhart Joseph Docen in Aretins Beiträgen. VII 1806S. 331— 333, in seinen Miscellaneen. II 1807, S. 171—188, im Museumfür altdeutsche Literatur und Kunst. II 1811, S. 265—269, in GrätersIduna und Hermode. 1 1812, S. 165—168, und in der Brüder GrimmAltdeutschen Wäldern. III 1816, S. 148—159. Ferner Hans FerdinandMaßmann, Sanct Alexius Leben (= Bd. IX der Bibliothek der gesamtendeutschen National-Literatur). 1843, S. 5. — Franz Pfeiffer, DeutscheMystiker. I 1845, S. XXXIII und 325ff. — Friedrich Zarncke, Der deutscheCato. 1852, S. 13. — Franz Pfeiffer, Altdeutsches Übungsbuch. 1866,Nr. XIII und XVII. — Philipp Wackernagel, Das deutsche Kirchenlied.II 1867, Nr. 486—488. — Paul Zimmermann, Das Schachgedicht Hein-richs von Beringen. 1875, S. 44—47; desselben Ausgabe Heinrichs vonBeringen in Bd. CLXVI der Bibliothek des Literarischen Vereins inStuttgart. 1883, S. 356—362 und 405 f. — Albert Rode, Die Margareten-legende des Hartwig von dem Hage. 1890, S. 5. —Wilhelm Walther, Diedeutsche Bibelübersetzung des Mittelalters. 1889/92, Sp. 347 und 707.—Friedrich Keinz, Die Wasserzeichen des XIV. Jahrhunderts in Hand-schriften der k. b. Hof- und Staatsbibliothek (= Abhandlungen derMünchner Akademie der Wissenschaften. I. Klasse, Bd. XX, Abt. III).1897, Nr. 25, 87, 144 (187, 188), 274. — W. Bremme, Der HymnusJesu dulcis memoria. 1899, S. 365. — Heinrich Meyer-Benfey, Mittel-hochdeutsche Übungsstücke 2 . 1920, S. 14—18. — Heinrich Niewöhner,Der Sperber (=Palästra. Nr. CXIX). 1913, S. 5.
Z. 6 gegen B, Z. 7); in den Ligaturen ft (A, Z. 5) und ft (A, Z. 7) wird es fastganz von der Wucht des Hauptbuchstabens erdrückt, nur in der Verdoppelungerhält das zweite t eine vollständige Oberlänge (vgl. Tafel XXXI B und XLV)und Schleife (A, Z. 3). Der Wechsel von v und u ist nicht streng geregelt;im Anlaut steht für dem Vokal immer v, im Wortinnern nur gelegentlich (A,Z. 14); dagegen kommt u auch für den Konsonanten vor (B, Z. 21). Über-schreibungen von o und e sind für Diphthong und Umlaut angewendet (A,Z. 1. 2); auch findet sich ä für das schwäbische au (B, Z. 15). Gelegentlichscheint aber auch e nur als Vokalzeichen übergeschrieben zu sein (a A, Z. 4;o B, Z. 6). Kürzungen sind nicht sehr häufig. Es begegnet gelegentlich derübliche Kürzungsstrich für weggelassenes e, n (A, Z. 5) und en (A, Z. 22)und auch manchmal das hochgestellte a für ra (B, Z. 9), das dann mit einerkräftigen, dem er-Haken ähnlichen Fahne versehen ist; häufiger aber findetsich nur dieser senkrechte Haken für er (A, Z. 1 2), dem aber ebenfalls mehrSchreibungen ohne Kürzung gegenüberstehen. B, Z. 7 findet sich a mit Akzent
Die Verbindung der Buchstaben ist noch auffallend wenig entwickelt;oft stehen sie noch ganz für sich (A, Z. 1.2) und entbehren völlig des gra-phischen Zusammenhangs mit dem folgenden Buchstaben. Das ist durch dieForm des i, n, m, u weniger auffallend, aber auch bei den bogigen Buch-staben b, 1, v, w, h, p und z nicht anders. Der Schreiber hat sichtlich keineKenntnis der Meyerschen Regeln, sondern versucht nur das d ziemlich regel-mäßig mit dem folgenden Vokal zusammenzuschreiben. Dabei zieht er abernicht nur die gebogenen v, o und e herein, sondern auch das wenig gerundetea (A, Z. 6) und das gerade u (B, Z. 19) und i (A, Z. 8), während er danebengelegentlich o ganz getrennt von d schreibt (B, Z. 5). Einigermaßen regel-mäßig ist die Verbindung mit dem folgenden Buchstaben durch die dafürgeeignete Fahne oder Zunge bei e, f, g, k, r und t, nicht selten auch durchden Mittelstrich bei a (A, Z. 3). Zusammenschreibungen ergeben sich natur-gemäß bei fl (A, Z. 14), 11 (A, Z. 23), tt (A, Z. 3), ff (A, Z. 14) und fp (B, Z. 3),was übrigens auch getrennt vorkommt (B, Z. 24). Auch sonst ergeben sichmitunter Ausnahmen, wie eben der Schreiber sichtlich zwar gewandt, abernicht sorgfältig gearbeitet hat; seine mehrfachen Verschreibungen, z. B. B,Z. 4. 10. 15, sind dafür auch bezeichnend.
Auf Verzierung und Gliederung des Schriftbildes ist wenig Gewichtgelegt. Die Überschrift ist schmucklos an den oberen Blattrand geschriebenund die Abschnitte sind nur durch ziemlich einfache Initialen oder Majuskelnhervorgehoben (A, Z. 1. 12; B, Z. 4), denen sich gelegentlich noch ein großesE (A, Z. 16) oder G (B,Z. 11) oder vergrößerte Minuskeln (A, Z. 4; B, Z. 6)am Anfang der Zeilen oder Halbzeilen gesellen. Auf jeder Zeile steht einReimpaar, durch einen Punkt oder häufiger ein Komma am inneren Vers-schluß abgeteilt. Kurze Zeilen sind nicht ausgefüllt (A, Z. 6. 7; B, Z. 9. 17.21),überlange durch Unter- oder Überschreibungen abgeglichen (A, Z. 12. 22. 24;B, Z. 3. 15). Von der Liniierung sind nur an der linken Außenseite schwacheSpuren zu sehen.
Die abgebildeten Seiten sind Bl. 96 v und 97 r . Sie entsprechenVers 1—105 in von der Hagens Ausgabe.