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^%chwerlich wird ein Sachverständiger in diesen Zeilen eine Geschichte der französischen Baukunst erwarten.m^ y Um diese auch nur mit einiger Vollständigkeit zu schreiben, bedürfte dies Werk einer ganz anderen Anlage:soll es doch vor allem dem Architekten als Einführung in das Bauwesen Frankreichs dienen. "Es liegt mir auchnichts ferner, als in die zahlreichen Streitfragen einzutreten, die ältere und neuere Kunstgeschichte in diesem Gebietaufgeworfen. Ich beschränke mich, auf die gründlichen Untersuchungen hinzuweisen, wie sie in letzter Zeit vondeutscher Seite gemacht wurden, Untersuchungen, die auch genügende Nachricht über die Arbeiten der Franzosenund der in Frankreich mit so erfolgreichen Studien vertretenen Engländer bieten. So für das Mittelalter auf diegrossartige Leistung deutschen Fleisses, die G. Dehio und G. v. Bezold in ihrem grundlegenden Werke: Die kirch-liche Baukunst des Abendlandes (Stuttgart, A. Bergsträsser, 1892 ff.) darboten; so für die Renaissance auf diefeinsinnige Arbeit des mit Frankreich geistig in so engen Beziehungen lebenden Heinrich Baron von Geymüller:Die Baukunst der Renaissance in Frankreich (Stuttgart, A. Bergsträsser, 1898 ff.). Ich darf wohl auch für die späterenRenaissancezeiten meine Geschichte des Barockstiles, des Rococo und des Klassicismus (2. Band, Stuttgart, PaulNeff, 1888) erwähnen, wenngleich ich gerade durch die Studien für das nun vorliegende Werk erst recht erkannte,wie lückenhaft jenes ist. Fehlte mir doch die Kenntnis des Bauwesens des 17. und 18. Jahrhunderts auswesentlichen Teilen der Provinz, die ich damals noch nicht besucht hatte; haben doch die französischen Kunstgelehrtenselbst diese Kunst in ihren Studien sehr stiefmütterlich behandelt, sodass es auch heute noch unmöglich ist, auslitterarischen Quellen sich von ihr eine erschöpfende Vorstellung zu machen.
Denn wenn auch Paris seit Ludwig XIV. Zeiten mehr und mehr das nationale Leben und namentlich dasnationale Schaffen in sich aufsog, so fehlte es den Provinzen doch bis kurz vor der grossen Revolution nicht aneigenartigen Äusserungen. Und diese erscheinen mir schon um dieser Eigenart willen bemerkenswert, selbst wennsie an Vollendung den Pariser und selbst den von Paris aus geleiteten Bauten erheblich nachstehen.
Gegen die Vorwürfe, bei der Auswahl der darzustellenden Gegenstände wichtige Kunstwerke vergessen zuhaben, möchte ich mich ausdrücklich verwahren. Vergessen kann keiner, der sie einmal sah, weder S. Front inPerigueux noch Notre Dame in Paris, weder das Theater in Orange, noch die Kathedrale von Laon, weder dasSchloss Chambord, noch jenes zu Versailles. Dass diese herrlichen Werke und viele andere sich unverlierbar demAuge einprägen, ist eher ein Grund dafür gewesen, sie hier fortzulassen: Sie gehören zum geistigen Besitzstanddes gebildeten Architekten. Mir kam es darauf an, durch je einige Beispiele, womöglich durch minder bekannte,die geistige Fortentwicklung des Bauwesens in Frankreich darzustellen. Dabei musste von einer Vollständigkeit,nach welchen Grundsätzen auch immer, durchaus abgesehen werden, ebenso wie von einer erschöpfenden Dar-stellung der einzelnen Werke: Es galt aus der Überfülle des Vorhandenen besonders schlagende Beispiele heraus-zugreifen, und zwar gelegentlich auch solche, die gewisse Schwächen des französischen Schaffens versinnlichen.
Dies war nur möglich durch Kenntnis der Bauten aus eigener Anschauung, durch planmässiges Bereisendes schönen Landes. Auf diesen Reisen hatte ich nicht Zeit zu kunstgeschichtlichen Untersuchungen. Ich konntenicht die Anmassung haben, den gründlichen Arbeiten der Franzosen eigene Einzelforschungen entgegensetzen zuwollen. Das, was ich erreichen konnte, war die Beobachtung der Kunst mit den Augen eines Nichtfranzosen.Ich bin überzeugt, ein Pariser würde vielfach anderen Gegenständen sein Augenmerk zugewendet haben. Ichbilde mir natürlich nicht ein, die Gesamtkunst Frankreichs besser zu verstehen, ich behalte mir aber die Frei-heit vor, sie anders zu verstehen, und werde von dieser Freiheit nach bestem Wissen später einmal eingehen-deren Gebrauch machen.
Auf meinen Reisen durch Frankreich begleitete mich der Rat und die Fürsorge des deutschen Gesandtenin Paris, Seiner Excellenz des Fürsten Münster von Dernburg.
Ich danke an dieser Stelle dem bewährten Kunstfreunde aufrichtig - und ehrerbietigst für seine zahlreichenBemühungen in meiner Angelegenheit. Ich danke zugleich den französischen Behörden, namentlich den Ministeriendes Krieges, des Innern und des Unterrichts für die allseitig mir zugestandene Erlaubnis zu Studien-Aufnahmen vonden ihnen unterstehenden historischen Denkmälern. Glückliche Zeiten reichen Lernens und ungetrübten Geniessenshabe ich in allen Teilen Frankreichs im Verfolg meiner Arbeiten durchlebt. Dem stillen Beobachter und dank-baren Bewunderer so vieler herrlicher Werke wurde von allen, mit denen ich in Berührung kam, liebenswürdigesund verständnisvolles Wohlwollen entgegengebracht.
Wem es beschieden war, als ein der Weltgeschichte Kundiger über die wunderbar stimmungsvollen Dünenlängst dem Mittelmeere hinzuwandern, vorbei an fieberschwangeren Sümpfen, um endlich, auf halbversunkenen antikenSteinsärgen ausruhend, vor dem erhaben einsamen Bau des erinnerungsreichen Klosters Maguellone die blauenWellen branden zu sehen; und wer auf der Höhe der Stiftskirche des normannischen Inselklosters Mont S. Michel,frei über einer Welt kunst- und kraftreicher, scheinbar aus dem Meere herausgewachsener Bauten stand und dort diefrische Brise des Ärmelmeeres in sich einsog, der hat die Liebe der Franzosen für ihre Heimat würdigen gelerntund dem ist ein Verständnis für ihr Wesen zugeflogen, das in gleicher Weise aus Büchern nie zu erringen ist.
Cornelius Gurlitt.