558 ZEITGESCHICHTLICHES.
CASSELER KÜNSTLER, CENSÜR UND SCHLOSSBAU.
Gesellschafter oder Blätter für Geist u. Herz. Herausgegeben von F.W. Gubitz.
Erster Jahrgang. Berlin, 1817. In der Maurerschen Buchhandlung, Poststrasse
No. '29. 4. Sonnabend, den 3. Mai. 73. Blatt. S. 292.
[Brief an Arnim.]
Cassel, den 19. April.
.Ich kann den Wunsch nicht erfüllen, über hiesige Künstlerausführlich meine Ansicht mitzutheilen; sie haben alle ihreAbsonderlichkeiten, so kann Lob und Tadel, Verschweigen undErwähnen ihnen ein gleicher Anstoss sein. Der bedeutendstehier ist der junge Henschel, der gründlich' arbeitet, in eigen-thümlichen und neuen Gedanken. Ein Sohn von dem bekanntenBildhauer Ruhl ist in Rom und zeigt ein schönes Talent. Erhat ein Bild vom wilden Jäger hergeschickt. Die Kurprinzessinarbeitet an dem Karton zu einem grossen Bilde, die heiligeElisabeth darstellend, der ihr Vater, als er von ihrer Armuthhört, prächtige Kleider schickt, aber wie die Gesandten ankommenund sie in der Kirche finden, halten ihr Engel himmlische Ge-wänder um, die viel schöner sind als die, welche jene über-bringen. — Hier geht es im Ganzen viel besser, als es imAuslande und in den Zeitungen scheint; es ist viel von derCensurcommission gesprochen, aber noch kein einziges Buchvon ihr verboten. Der Kurfürst hat nur zwei selbst verboten,,wovon das eine vom Herrn v. Berlepsch wirklich erbitterndgeschrieben ist. — Das Schloss ist fast ganz abgebrochen undliegt als ein gewaltiger Steinklumpen da. Die gewölbtenSäle werden schwerlich so schön wieder erbaut, auch waren soverschiedenartige Erinnerungen mehrerer Jahrhunderte an diesesalte Schloss gebunden. Man kann sagen, die Franzosen hättenes entweiht, inzwischen hatte das Feuer es schon wieder reingebrannt und sie hinausgejagt. Den Kurfürsten mochte derGedanke erfreuen, sein Stammschloss vor seinem Ende wiederneu und schöner aufzuführen; wir wünschen, dass er noch dieFreude habe, die Ausführung des grossen Baues zu erleben.
[anonym.]