ÜBER DIE NATURBESCHREIBUNG IN DEMDEUTSCHEN VOLKSEPOS UND DEM MINNEGESANG.
Kosmos. Entwurf einer physischen Weltordnung von Alexander von Humboldt.Stuttgart und Tübingen. J. G. Cotta. H Bd (1847). 8. S. 33 —36.
[Brief an AvH. üctober 1845; Tgl. S. 113].
J_yie vaterländischen Dichter jener Epoche [des Mittel-alters] hahen sich nirgends einer abgesonderten Naturschilderunghingegeben, einer solchen, die kein anderes Ziel hat, als denEindruck der Landschaft auf das Gemüth mit glänzenden Farbendarzustellen. Der Sinn für die Natur fehlte den altdeutschenMeistern gewiss nicht; aber sie hinterliessen uns keine andreÄusserung dieses Sinnes als die, welche der Zusammenhangmit geschichtlichen Vorfällen oder mit den Empfindungen er-laubte, die in lyrische Gedichte ausströmten. Um mit demVolksepos, den ältesten und werthvollsten Denkmälern, zu be-ginnen, so findet sich weder in den Nibelungen noch in derGudrun 1 ) die Schilderung einer Naturscene, selbst da, wodazu Veranlassung war. Bei der sonst umständlichen Be-schreibung der Jagd, auf welcher Siegfried ermordet wird,geschieht nur Erwähnung der blumenreichen Heide und deskühlen Brunnens unter der Linde. In der Gudrun, die einegewisse feinere Ausbildung zeigt, bricht der Sinn für die Naturetwas mehr durch. Als die Königstochter mit ihren Gefährten,zu niedrigem Sklavendienst gezwungen, die Gewänder ihrergrausamen Gebieter an das Ufer des Meeres trägt, wird dieZeit bezeichnet, wo der Winter sich eben gelöst und der "Wett-gesang der Vögel beginnt. Noch fallen Schnee und Regen
') S. Gervinus Geseh. der deutschen Litt. Bd I, S. 354—3S1.