ENTSTEHUNG DER ALTDEUTSCHEN POESIE.
155
II.
NORNA GESTERS SAGE. CAP. 8.
Einer der Hofmänner fragte, wie Brynhildur sich betragen? (nachdem Tode Signrds), Gestur antwortete: sie erschlug acht Diener undfünf ihrer Frauen, darauf durchstach sie sich mit einem Schwert undbat, dass man sie mit diesen zu dem Holzstoss führe und verbrenne;und so geschah auch. Sie wurde gefahren in einem Wagen, bedecktmit Goldzeug und Purpur, und sie glänzte überall von Gold und soward sie verbrennt. Da fragten sie den Gestur, ob Brynhildur nichtgesungen bei ihrem Tode? Er antwortete, dass es wahr sei. Siebaten ihn, das Lied zu singen, wenn er könne. Da sprach Gestur:Brynhilde wurde gefahren zu dem Holzstoss auf dem Todesweg undvorbeigeführt an einer nahen Bergklippe, da wohnte ein Riesenweib(Gygur), die stand in der Thüre der Höhle und hatte ein Kleid vonThierhaut an und war schwarz von Angesicht; sie hatte eine Wald-stange in der Hand und sprach: diese will ich zu deinem Brand legen,Brynhildur, auch wäre es besser, du würdest lebendig verbrannt, deinerUnthaten willen, dass du liessest erschlagen Sigurd, den Schlangen-tödter, einen so hochberühmten Mann. Oft war ich ihm günstig unddarum will ich über dich ausrufen rächende Worte, dass dich alle ver-abscheuen, die solches von dir sagen hören, darauf sang Brynhildurund das Riesenweib gegen einander, und das Riesenweib hub an:
Dahin sollst duwandeln nichtdurch meiner BurgFelsenwände.Besser ziemet dirBorten zu wirken,als zu schauen hierunsere Höhlen.
Was willst du schauen,aus Vallandiwackelndes Haupt,meine Wohnung?du hast den Wölfen,die zu dir kamen,vielen, zur SpeiseMannsblut gegeben.
Da sang Brynhildur:
Lästre mich nichtWeib aus dem Felsen:ob ich gewesen frühunter Seeräubern.
Das Riesenweib sang:Du bist BrynhildurBudlas Tochter,mit Zeichen, ungünstigzur Welt geboren.
Der aber däucht mirunter uns grösser,der meines edlenGeistes kundig.
Du hast GiukasKinder verdorben,und ihr Erbguthast du zerstreut.