ENTSTEHUNG DER ALTDEUTSCHEN POESIE. 113
ihre Poesie kennen. Man weiss, dass sie ihre Troubadours undJongleurs mit sich nahmen, und diese, wie sie selbst, sangenLiebeslieder, Tensons usw. Auch war es gewöhnlich, dass,ehe die Schlacht anfieng, von den Thaten ihrer Vorfahren, vonKolland und der Schlacht in Roncisvall gesungen wurde x ). So-dann lebten damals viele französische Dichter, welche dieseNationalsagen und die von dem Könige Artus, vermischt mitmanchem von dem Märchenhaften und Zaubereien des Orients,in Verse brachten und aufschrieben. Die Deutschen trugenGefallen an diesen anmuthigen Dichtungen, und sie mochtenallen, welche die fremde Sprache erlernt hatten, bekannt genugwerden.
Und was schien würdiger und rühmlicher Kenntnisse zuzeigen, als in Übersetzungen sie auszubreiten und Freundenmitzutheilen? So wie nicht allein Deutsche den Kreuzzügenbeigewohnt hatten, so verbreiteten sich auch in andern Län-dern diese Poesieen, in Italien, im Norden, ja selbst bis Islandsind sie hingedrnngen. Man sagt gewöhnlich schön: damalsklang eine Poesie durch die ganze Welt, welches aber nur aufdiejenigen gezogen werden darf, welche sich im Ausland damitbekannt gemacht hatten, von der Nation nicht, eine jede hatsich ihrer eio-enthümlichen. bei ihr einheimischen erfreut. Schondamals verleugneten die Deutschen ihren heutigen Charakternicht, sie waren am fleissigsten: was sich nur aufbringen liessvon fremden Büchern, das wurde übersetzt, und es ist nicht zuverwundern, dass manches sehr Mittelmässige und ganz Schlechtenicht verschmäht wurde in solchem Eifer. Auch die Liebes-lieder wurden eingeführt (wahrscheinlich nur das wenige über-setzt, das man nachgewiesen hat) und hierin wurden die Vor-
J ) Dies bezeugen viele Stellen, die man in Adelungs Abhandlung über dasRollandslied oder auch bei Eichhorn in der Culturgeschichto gesammelt findet:dort hat man aus diesen Stellen auf ein einziges Rollandslied geschlossen undsich nur verwundert, wie, was so lang und noch so spät existirt habe, nichtaufzufinden sei. Es hat niemals in diesem Sinne existirt. Wie könnte auchein festbestimmtes Lied die Jahrhunderte lang, durch welche die Zeugnissegehn, und wo schon die Sprache eine ganz andere wurde, unverändert sich•erhalten haben?
W. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. I. 8