112 I. Kriege von 1613—1689.
Im J. 1619 waren es 30 000 Mann, eingetheilt in 161 Ortas (Regiment,Abtheilung) jede zu 100—500 Mann, im J. 1660 nicht weniger denn54 222 Mann nur allein im Solde stehender. Ausserdem aber gab es wenig-stens ebenso viele, welche keinen Sold empfingen, die aber durch Nachsichtoder Bestechlichkeit der Offiziere in die Janitscharenregister aufgenommenwurden, nur um die damit verknüpften Vorrechte zu geniessen — Be-freiung von den Abgaben u. s. w., ohne dafür jemals irgend welchenDienst zu thun. Daher kam es denn, dass von den über 100 000Janitscharen in den Listen wirklieh kaum 25 000 Mann zum Dienste dawaren. Dazu trat noch ein weiterer Nachtheil für den Staatsschatz, die»Eitam« oder Janitscharenwaisenkinder, welche »Phodolachoranen« hies-sen, soviel wie »Brodesser«, »Faullenzer«, »Schmarotzer«. Mit dem mate-riellen Verfall der Janitscharen ging natürlich auch der moralische Hand inHand. Da die mit Familie gesegneten Janitscharen sich von ihremdürftigen Solde allein nicht zu erhalten vermochten, so suchten sie nachanderen Existenzmitteln, gingen zu Christen und zu Juden in Tagelohnum Brod und griffen überhaupt in ihrem Elend zu allen möglichen Hülfs-mitteln, was sie dann wieder mehr und mehr in ihrer eigenen Achtungsinken liess. In dem Maasse, wie die sittliche Kraft und die Disziplinbei den Janitscharen verfiel, in demselben Maasse konnte die Regierungnicht mehr mit der früheren Strenge die bisherigen Etats des Janitscharen-corps aufrecht erhalten. MuradIV suchte durch seine bis zur Grau-samkeit strengen Maassregeln die Organisation, Disziplin, moralischeKraft den ganzen Bestand des Janitscharencorps wieder herzustellen. Erschloss aus ihren Reihen alle schwächlichen und zum Dienste unfähigenjungen Leute aus, ersetzte dieselben durch kräftige und befähigte, welchesich für Geld losgekauft hatten. Auch den anderen Uebelstand schaffteer ab, welcher sich in die Reihen des Janitscharencorps eingeschlichenhatte, die»Jamaks«, Eindringlinge aus der Hefe des Volkes. Er ver-suchte auch durch andere Mittel den Hochmuth der Janitscharen, diesenGrund ihrer steten Neigung zu Unruhen und Empörungen, zu beseiti-gen. Aber alle seine Anstrengungen hatten nur bei seinen Lebzeiteneinen vorübergehenden Erfolg; nach seinem Tode geriethen die Janit-scharen in die frühere und sogar in eine noch schlimmere Verfas-sung*).
Wie bei den Janitscharen in Folge der »zunehmenden« Zahl der-selben, so ging bei den Spahis in Folge ihrer »abnehmenden« Stärke Allesdem Verfalle entgegen. Im J. 1619 hatte sich die Zahl der Spahis auf
*) Man muss hier den auffälligen Zusammenhang zwischen dem gleichzeitigenmateriellen und moralischen Verfall der türkischen Janitscharen und der russischenStrelitzen bemerken.