Druckschrift 
Abth. 3, Die Neuzeit Bd. 3 (1875) Kriege der II. Hälfte des XVIII. Jahrhunderts in West-Europa : 1740 - 1792 ; die Kriege Friedrich's des Grossen
Entstehung
Seite
241
Einzelbild herunterladen
 

7. Der siebenjährige Krieg. 241

ergreifen zu wollen und stellte, nachdem sie 100110,000 Mann in derNähe von Belgrad gesammelt, diese längs der österreichischen Grenze auf.

Allein ein unerwartetes Ereigniss änderte plötzlich die Lage heiderkriegführenden Parteien, gab dem Kriege eine ganz andere Wendungund rettete Friedrich und Preussen. Den 25. December 1761 (5. Januar1762) starb die Kaiserin Elisabeth Petrowna, und eine der ersten Hand-lungen ihres Nachfolgers, Peter III., eines Freundes und eifrigen Ver-ehrers Friedrich's, war, dass er sich mit ihm aussöhnte, ihm ohne jeglicheEntschädigung alle von den russischen Truppen besetzten preussischenLänder zurückgab und ihm ein Bündniss und die Hilfe Russlandsfür den Krieg mit seinen Feinden anbot. In Folge dessen wurde imMai 1762 in Petersburg zwischen Russland und Preussen ein gegen-seitiger Defensivvertrag geschlossen; die russische Hauptarmee Buturlin'skehrte nach Russland zurück und das 20,000 Mann starke Corps Tscher-nitschew's erhielt Befehl, sich der preussischen Armee zu Operationengegen die Oesterreicher anzuschliessen.

Noch nie bis dahin war in den allgemeinen europäischen Kriegen eine soplötzliche Wendung vorgekommen. Die nächste und unmittelbare Folgedavon war die schnelle Aussöhnung Schwedens mit Preussen. Und wenn-gleich Ende Juni a. St. der Tod Peter's III. auf den Thron Russlands dieKaiserin Katharina IL setzte und das Corps Tschernitschew's aus Preussenabberufen wurde, so beschloss doch Katharina Neutralität im KriegePreussens mit Oesterreich und dessen Verbündeten zu beobachten. DieseNeutralität Russlands war für Friedrich fast vorteilhafter, als ein Bünd-niss mit demselben, weil das Beispiel seiner Massigkeit auch die anderenStaaten dazu veranlasste. Es war natürlich, dass die plötzliche Verän-derung der Politik Russlands am meisten Oesterreich in Staunen setzte,und Maria Theresia, die sich mit der unzweifelhaften Hoffnung ge-schmeichelt hatte, in diesem Jahre die Eroberung Schlesiens zu beendi-gen, begann sogar selbst das Schicksal zu befürchten, welches siePreussen vorbereitete. Zu ihrem Glücke standen die Türkei und derKhan der Krim, welche die Aenderung der Politik Russlands nicht be-griffen, von ihren früheren Absichten ab.

Ungeachtet der für Preussen günstigen Wendung der Angelegen-heiten war die Lage desselben noch schwierig genug, weil der Staatbis aufs Aeusserste erschöpft war und schwache Streitkräfte hatte. DaOesterreich fortfuhr Friedrich den Austausch der Gefangenen abzu-schlagen, so konnte er gegen Ende des Jahres 1761 sogar nicht einmaldie Hoffnung hegen, seine Armee durch Aushebungen in demjenigenTheile der preussischen Besitzungen, die in seiner Macht verblieben waren,ergänzen zu können. Unter diesen Umständen war die Entlassung von

Galitzin, Allgem. Kriegsgeschichte. III, 3. 16