Druckschrift 
Abth. 2, Das Mittelalter Bd. 2 (1885) Von der Einführung der Feuerwaffen bis zum 30jährigen Kriege : (1350 - 1618)
Entstehung
Seite
46
Einzelbild herunterladen
 

46 HI. Von Einführung der Feuerwaffen bis zum dreissigjährigen Kriege etc.

der Gräuel und Schrecken der innern Religions- und Bürgerkriege, hattedie französische Armee nicht nur keine Möglichkeit, sich in ihrer Organi-sation zu vervollkommnen, sondern sie gerieth immer mehr in Verwirrungund Verfall, und erst unter Heinrich IV. und besonders nach ihmunter Ludwig XIII. begann sie endlich eine regelmässigere und besserorganisirte Form anzunehmen.

Unter den Hauptveränderungen, welche die Armee in der oben er-wähnten Zeit der inneren Unruhen erlitt, sind folgende zu bemerken:

Unter Heinrich II. (nach Andern unter Karl IX.) begann mandie bandes Regimenter (regiments) zu nennen, ihre BefehlshaberObersten (colonels, mestres oder maltres de camps). Von den deut-schen Truppen ging auf die französischen die Gewohnheit über, bei jederCompagnie eine bestimmte Zahl von auserlesenen Soldaten zu haben,grösstentheils arme Adlige, welche doppelten Sold erhielten und lance-p e s s a d e s (vom italiänischen lanziaspezzata, eine verkürzte Lanze)genannt wurden, später auch appointes (etwa den heutigen Gefreitenentsprechend). Die aus früheren Legionären und Banden gebildetenRegimenter Messen die alten oder die kleinen alten (les vieillesbandes, les vieux corps, les petits vieux corps). Die ältesten derselben,6 an der Zahl, hatten 5 6 Compagnien zu 200 Mann, und zwar: 1 Ca-pitän, 1 Lieutenant, 1 Fähndrich, 2 Sergeants, 1 Fourier (fourrier),2 Tambours, 1 Pfeifer, 109 Pikenire und 82 Arkebusire (also das Ver-hältniss von 4:3). Die neuen Regimenter (les nouvelles bandes) wurdennur im Kriegsfall zusammengerufen, nach Bedarf, und nach Beendigungdesselben entlassen oder auch in cadres auf die Festungen vertheilt.

Zur Hauptwaffe wurde mehr und mehr die schwere Arkebuse, welchezum Abfeuern auf eiserne Gabeln (fourchettes) von 4 Fuss Höhe gelegtwurde. Ihr Lauf war 3 Fuss 8 Zoll lang, ihr Kaliber wurde mit der Zeitimmer geringer. Die Arkebusire behielten die Panzer nicht mehr bei, son-dern trugen Leder- oder Tuchröcke, weite Beinkleider, Strümpfe, Schuheund einen langen Degen. Die Pikenire dagegen trugen noch Brust-,Arm- und Beinschienen, Piken von 1416 Fuss Länge, Degen und Dolch.

Ein bedeutender.Theil des Fussvolks bestand, wie vordem, ausdeutschen, schweizerischen und italiänischen Miethstruppen, von welchendie letzteren nebst ihren Offizieren für die besten galten.

Das Fussvolk stand nur 8 10 Glieder tief, weniger als in andernArmeen; Rotten und Glieder waren geöffnet, die Pikenire formirten sichin der Mitte des Regiments, die Arkebusire auf den Flanken oder vor derFront in zerstreuter Ordnung; ihr Feuer gaben sie gliederweise abwech-selnd ab, sobald das vordere Glied abgeschossen hatte, ging es hinterdas letzte zurück, u. s. f. Zwischen den Compagnien und Regimenternwaren kleinere oder grössere Intervalle.