208 III. Vom Tode Alexander's d. Gr: bis zu Augustus (323—30 v. Chr.).
Gallien, in Mittel- und Süd-Italien. Diese mit dem entschiedenen Willensich zu schlagen, mit geringen Kräften gegen einen an Zahl wie an krie-gerischem Geiste und Ausbildung überlegenen Gegner gerichteten Ope-rationen zeigen eine seltene Vereinigung von Kühnheit und Entschlossen-heit , von kluger Vorsicht und durchdringender Schlauheit, von umsich-tiger Politik und hoher Kunst der Anordnung und Ausführung. DieFrucht derselben waren die vier entscheidenden und glänzenden Siegeam Ticinus, der Trebia, dem trasimenischen See und hei Cannä, welcheim Verein mit der höchst geschickten Bewegung aus Ligurien durch dieArno-Sümpfe in den Kücken und auf die Verbindungen des Flaminiusmit Rom würdig sind, in eine Reihe gestellt zu werden mit dem Ueber-gange über die Alpen; sie verleihen der ersten Hälfte des Krieges Han-nibal's in Italien einen ganz besonders hellen Glanz.
Mit der Schlacht bei Cannä endet die erste und beginnt die zweitePeriode der Operationen Hannibal's in Italien. Sein Glücksstern beginntzu erbleichen, und der Krieg, in den Augen des politischen Historikersfast schon zu Gunsten Roms in Italien entschieden, erlangt von nun anseine grössere Bedeutung in Hispanien und später auch in Afrika, unddaher ist Hannibal mehr berühmt durch seine Thaten bis zur Schlachtbei Cannä, als nach derselben. Aber der Kriegshistoriker und jederKriegsmann überhaupt betrachtet dies in einem andern Lichte: in seinenAugen steht Hannibal, wenn er schon bis zur Schlacht bei Cannä grosswar, nach derselben noch weit grösser da. Denn von dem Momente an,wo die Römer anfingen des Fabius behutsame Art der Kriegführung, dieoffensive Defensive, anzunehmen und dem Hannibal ihre besten Feld-herren entgegenzustellen, von diesem Augenblick an änderte sich Allesfür ihn. Von seiner Regierung fast gar nicht unterstützt, so zu sagen derLaune des Zufalls gänzlich durch sie preisgegeben, gezwungen, mitseinen schwachen Kräften auf einem mehr und mehr beschränkten Um-kreise seiner Operationen in Süditalien einen beschwerlichen und gefahr-vollen offensiv-defensiven Krieg gegen einen gewandten und un-ablässig sich verstärkenden Feind zu führen, übertraf Hannibal entschiedenAlles, was die Kriegsgeschichte der vorhergehenden Zeiten des Alter-thums an Bestem und Geschicktestem in dieser Art der Kriegführung auf-zuweisen hatte. Bei seiner unverhältnissmässigen numerischen Schwächeoperirte er nicht mit concentrirter Macht noch in der Absicht zu sehlagen,wie in der ersten Hälfte des Krieges, sondern mit getheilten Kräften inder Absicht die von ihm eingenommenen Gebiete und Städte festzuhaltenund zu schützen, neue Mittel und Kräfte zur Fortsetzung des Krieges ausihnen zu ziehen, die Aufmerksamkeit und die Kräfte des Feindes vondem für ihn (Hannibal; wichtigsten Punkten abzulenken, seine Gegner inUnthätigkeit zu erhalten oder sie durch Hin- und Herzüge zu ermüden